Wir…

So weinen Männer sonst nur, wenn das Bier alle ist. Opa Krause, drei Häuser weiter, spricht von „seinen Jungs“, von etwas, das „wir“ gewonnen haben und fast meint man, er hätte das Tor ganz allein geschossen. Oma Krause guckt mich gequält an und flüstert etwas von: „Endlich wieder Ruhe hier.“ Hätte ja auch keiner ahnen können, dass der Dorfkreisverkehr mitten in der Nacht Schauplatz eines Autokorsos wird. Immer im Kreis rum, zwei Stunden lang, wenn man den Schilderungen der übernächtigten Senioren Glauben schenken mag. Unklaren Angaben zufolge waren auch zwei Traktoren beteiligt.

Und die Fanbänder, die wir extra gebastelt und im Kindergarten unter das kleine Volk gebracht haben, die haben natürlich Glück gebracht. Hätten wir die nicht gemacht, Deutschland trüge heute Trauer. Ich kriege im Kindergarten extra noch mal die Hand geschüttelt.

Heute sind wir dann schon wieder etwas gefasster. Das Deutschland-Trikot darf jetzt dann auch endlich gewaschen werden. Das stinkt mittlerweile nicht nur, das kann auch schon alleine laufen und wird wohl in den nächsten Tagen „Mama“ sagen. Jemand sagt was von einem Stern, den man irgendwo draufnähen müsste. Zur Not könne man ihn auch malen. Aber nur, wenn man den Umgang mit dem Textilstift beherrscht. Überhaupt sei es aber am besten, man kauft sein Trikot gleich frisch, damit man in vier Jahren nicht mit Ware aus der letzten Saison ausgelacht wird. Ich stehe daneben und täusche Kompetenz vor.

Die Silvesterböller dürften dann jetzt übrigens auch endlich alle sein. Pünktlich um Mitternacht erhellten die letzten Reste aus der Jahreswechselkiste den Nachthimmel, und erschreckten Viechzeug und Oma Hilde, die sich „im falschen Film“ wähnte. Gleichzeitig kamen Tina Turner  und die Jungs von Queen zu einem segenreichen Tantiemenregen. Wann kann man denn sonst schon so laut in Endlosschleife: „Hero“ und „We are the Champions“ spielen…

Ach und überhaupt. Sieger. Alle.

Und jetzt wieder Tagesgeschäft. Irgend jemand muss noch einkaufen. Chips sind alle…

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Still…

Sagen Sie mal: Ist es bei Ihnen auch so still? Ich meine: Still trotz Fußball? Alle vier Jahre war hier in der Gegend ja bislang großes Trallala angesagt, wenn im Fernsehen Männer einem Ball nachhetzten. Da wurde bei jedem Tor auf den Balkon gerannt und urgeschrien. Da verkleidete man sein Auto und drückte beherzt auf die Hupe, wenn einem ein anderes Gefährt mit Deutschlandfahnen begegnete. Im Supermarkt kloppte man sich um Chipstüten und Bierkästen. Und der Grill war quasi ständig an – weil man beim Fußballgucken am besten Fleisch isst.

In dieser Fußballsaison ist es nahezu unheimlich still. Tore werden nicht beschrien. Die Autos sind merkwürdig nackig. Kein einziges Feuerwerk am Himmel. Natürlich könnte es daran liegen, dass wir gerade mal vor dem Viertelfinale stehen. Und 60 Jahre nach dem „Wunder von Bern“ will vielleicht auch so recht keiner ins Karma hineinjubeln. Aber ein bisschen eigenartig ist es schon.

Andererseits – und auch das muss man ernsthaft in Betracht ziehen – wohnen mittlerweile viele junge Familien hier. Mit Klein- und Kleinstkindern. Da muss man sich oft entscheiden: Lieber Fußball gucken oder doch schlafen gehen. Und die Rentner der Umgebung: Die wollen sowieso ihre Ruhe haben…

Nun habe ich persönlich – ich muss es ehrlich zugeben – kein Problem damit, dass es ruhig zugeht. Schließlich sind wir alle erwachsen und Freudentänze auf Dorfkreuzungen sind jetzt auch nicht unbedingt das, mit dem man sich am nächsten Tag im Supermarktklatsch wiederfinden will. Vielleicht brandet die Feierlaune aber auch erst später auf. Ab heute Abend zum Beispiel. Wenn nichts dazwischen kommt, wenn Sie verstehen, was ich meine…

 

Gekickt…

Ach Gott ja… Fußball… und auch noch Weh Emm. Alle Welt trägt grün-gelbe Farbkombinationen und, glauben Sie mir, nur den Wenigsten steht das überhaupt. Ein Nachbar outet sich letztens promt als Brasilianer. Bei näherer Stocherung im Thema stellt sich dann aber nur heraus, dass die Oma der Cousine irgendwann wohl mal… lassen wir das.

Im Kindergarten werden Fußballbilder getauscht. Und unsereins lernt, dass es nicht nur Fußballtrainer gibt sondern auch solche, die den Torwart trainieren. Doch! In echt! Selbstverständlich kommt dieser Vortrag von einem Fünfjährigen, der sich prompt anbietet, Elfmeter und Schwalbe zu erläutern. „Weiß ich doch alles“ lüge ich im Affekt und setze ein belesenes Gesicht auf. Ich komme gerade so davon, denn mein kleiner Gesprächspartner bemerkt, dass der Sandkasten nicht fachgerecht umgegraben wird und muss eingreifen.

Nachts brüllt es nun manchmal. Schmerzensschreie sind darunter, Gejubel und alles dazwischen. Greift man bei derartigem Geräusch sonst üblicherweise zum Telefon und wählt die Nummer von Polizei und Notarzt, lehnt man sich nun zurück und lässt Vermutungen über Spielstände im Raum umhergehen. Nebenher guckt man sich an, was die Fernsehsender ohne Sportprogramm so zu bieten haben. Über das Ergebnis des Spiels lässt man sich dann via Twitter unterrichten. Man will ja am nächsten Tag mitreden können. Oder müssen…

„Wie lange geht die Weh Emm denn?“ will ich letztens wissen. Betretenes Schweigen. Nichtfußballfans haben es schwer dieser Tage. Selbst, wenn man nur ein harmloses Deodorant im Drogeriemarkt um die Ecke kaufen will, wird einem fußballiges aufs Auge gedrückt. Oder in die Einkaufstüte gesteckt. So finde ich einen „Deutschlandstift“ bei meinen Einkäufen, mit dem sich flink kleine schwarz-rot-goldene Fahnen auf Wangen und Arme schminken lassen. Kind 1 jubelt und will das Schminkutensil haben. Die Folge ist ein dreifarbiges Kind 2. Unsere Freude hält sich in Grenzen.

Kind 2 übrigens, mitten drin in zukunftswichtigen zerebralen Entwicklungsprozessen, ist schon total irre und vertraut dem Aberglaube, das „Runde müsse ins Eckige“ aufs Wort. Das Steckspiel, in dem kleine Plastikformen in die dazugehörigen Öffnungen passen müssen, scheint kaputt. Denn das Runde passt mitnichten ins Eckige.

Meine Freundin Sandra, auch Nichtfan, sieht es dagegen pragmatisch. So sind die Fußballer doch in der Mehrzahl ganz fesche Burschen und das sei halt die Entschädigung für die eher langweiligen und bierlastigen Männerabende, die ihr Lebensabschnittsgefährte derzeit ausrichtet. Und wo die Männer auf den Ball gucken, guckt Sandra eben auf die Wade. Angeblich können auch Männerbeine sexy sein. Sagt sie.

Rechne ich richtig, hält der Ausnahmezustand Fußball noch vier Wochen an. Kriegen wir hin. Und das sicher auch ohne Begeisterung für Ballsportarten und dergleichen…