40 Wochen oder so…

40wo_bindernagelAuch Männer werden schwanger. Das ist althergebrachtes Kulturgut. 40 Wochen lang schauen sie der Frau, die sie lieben, bei der Verrundung zu und entwickeln dabei mitunter selbst das eine oder andere Symptom. Und es ist kein Wunder: Der Mann von heute ist schließlich umfänglich eingebunden in die Schwangerschaft und alles, was damit zu tun hat. Es beginnt mit „Heute Eisprung!“, geht übers fast gemeinsame Pinkeln auf Stäbchen und führt sich Monat um Monat fort: Mit Arztbesuchen, bei denen mann nichts anderes zu tun hat als rumzusitzen, Händchen zu halten und undeutbaren Krims auf Monitoren zu betrachten. Mit 12-wöchiger Schweigepflicht, den „Umstand“ betreffend“. Mit einem Zustand, der allgemein als „kotzschlecht“ zu bezeichnen ist. Mit seltsamen Gelüsten die Nahrungsaufnahme betreffend. Dann das Kinderzimmer! Ein Roman für sich. Überhaupt: Schwanger sein kann schnell schwierig werden…

Thomas Bindernagel, seines Zeichens sowohl Vater als auch Werdender, schreibt anschaulich über seine ganz eigenen 40 Wochen. Über alle Freuden, Sorgen, Ängste – und über Toffifee. Ein Buch für Eltern, Werdende und solche, die sich noch nicht ganz sicher sind.

„40 Wochen oder so“ Thomas Bindernagel

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Da isser…

Oder: So schnell kann´s gehen.

Wir stellen vor: Alexander `der Kleine` Müller. Von seinen Eltern liebevoll Alexander `der Kleine` Müller genannt.

Und warum jetzt doch so schnell? Kaiserschnitt wegen Unterversorgung des  Kindes. Daher liegt der Kleine jetzt noch auf der Intensiv mit Wärmebettchen, Magensonde & Co. Aber er schnauft schon allein, der Bengel. Und jetzt muss er nur noch wachsen…

Ich für meinen Teil bleibe noch ein paar Tage im Krankenhaus und hoffe auf eine „schöne“ Narbe.

Danke an Euch für die guten Wünsche bei der Einweisung.

Bis später….

Geneigte Leserschaft, ich verabschiede mich ins Krankenhaus. Der Arzt hat die Überweisung ausgestellt und ich für meinen Teil bin heute zur Anmeldung ähm… angemeldet.

So ganz wohl ist mir nicht, denn eigentlich habe ich noch etwas Zeit bis zum eigentlichen Termin. Aber die Pfütze, in der das Kind schwimmt, nimmt beharrlich ab. Außerdem will er nicht mehr so richtig wachsen, der Wicht. Aber eines zumindest ist beruhigend: Die wirklich wichtigen Entwicklungsschritte hat das Kind bereits absolviert. Theoretisch muss er nur noch wachsen.

Ach, und haben Sie den Wink bemerkt? Genau, dann helfen Sie doch bitte bei Gelegenkeit mit einem Namen aus – wir schwanken noch…

Bei Neuigkeiten melde ich mich. Bis dahin: Machen Sie hier nix dreckig und waschen Sie bitte die Tassen ab, die Sie benutzt haben.

Müllers Ostern…

Was haben Sie so gemacht an Ostern? Bei uns war wieder einmal der Familienbesuch dran.

Freitag: Wir machen gar nichts und oxidieren faul vor uns hin. Die seelische Vorbereitung auf den Elternbesuch ist uns sehr wichtig.

Samstag: Schwiegermutter missbilligt den mangelnden Umfang von Frau Müllers Bauch. Da hat Schwiegerpapa in der Beschreibung eindeutig übertrieben. Auch die Tatsache, dass sich keine Rückenschmerzen einstellen wollen, wird mit einem Stirnrunzeln quittiert. Frau Müllers Ranzen wird in der Folge nur noch als „Zustand“ bezeichnet.

Sonntag: Oh du fröhliche! Es schneit. Wir schmücken den Tannenbaum und singen Weihnachtslieder, bis uns das mit dem Hoppelhasen wieder einfällt. Das Kind findet derweilen ununterbrochen Süßigkeiten.

 

10Uhr, immer noch Sonntag: Wir sind eingeschneit. Der Nachbar, sonst für die Bedienung der Schneefräse zuständig, hat das gute Stück längst in den Sommerschlaf geschickt und deutet an, man müsse jetzt wohl auf Handarbeit umstellen. Herr Müller und SchwiePa fügen sich ihrem Schicksal und suchen im Schnee nach dem Auto. Schließlich wollen wir auswärts essen gehen fahren.

12Uhr, Sonntag: Herr Müller verbietet es mir, im Gasthof meinen Teller zu fotografieren. Auch das Eis darf ich nicht ablichten und das kalte Buffet schon gar nicht. Aus Trotz bestelle ich das teuerste Gericht auf der Karte, vertue mich aber im Preis und bekomme stattdessen etwas in der Preiskategorie „Ferner liefen“. Schmeckt trotzdem.

15Uhr: Kaum zuhause angekommen, müssen wir weiteressen. Herr Müller löst den Hosenknopf.

16Uhr: Was dachten Sie denn… es schneit immer noch. Wir wagen uns trotzdem zu einem dringend nötigen Verdauungsspaziergang nach draußen. Durch den Winterwald stapfend, wird uns ganz weihnachtlich ums Herz. Wenn da nicht immer wieder diese verwirrenden Ostereier wären…

Montag: Nach dem Frühstück bringen wir uns noch schnell über die Skandale der Fürstenhäuser auf den neusten Stand. Schwiegereltern haben diesbehuflich eine nicht unbeachtliche Bibliothek angelegt.

Wir verbringen den Rest des Tages auf der Autobahn. Das angelesene Wissen über den Klatsch der letzten Wochen hilft uns über die langweiligen Staustunden hinweg.

Je näher wir der Heimat kommen, desto grüner wird die Landschaft. In heimatlichen Gefilden glaubt uns kein Mensch die Sache mit dem Schnee. Wir werden misstrauisch beäugt.

Das Kind bekommt von den Nachbarn Osternester geschenkt. Das Gesamtgewicht der gehorteten Süßigkeiten beläuft sich mittlerweile auf 14 Kilo. Verhungern wird in der nächsten Zeit also vermutlich niemand.

Ostern wäre geschafft… Wir atmen auf.

Och nö…

Am Freitag ist ja definitiv Ende Gelände. Will heißen: Frau Müller verabschiedet sich in den Mutterschutz. Bewundernswert, dass der Arbeitgeber es tatsächlich geschafft hat, drei Tage vor Ende eine Vertretung zu organisieren.

Auf der Bildfläche erscheint: Eine Dame mittleren Alters, Typ: Münchner Schickeria. Blondiert, toupiert, Glitzerjäckchen. Der erste Satz lautet: „Das muss heute schnell gehen, ich habe noch Termine.“ Dann bekomme ich gesteckt, dass die Dame keine Kinder hat und somit belastbar ist. Angebotene Lebensmittel werden zudem mit den Worten abgelehnt: „Sie können das gern essen, ich werde nur fett.“

Das kann ja heiter werden.

Die Einarbeitung an sich ist standardmäßig erst einmal ein Monolog. Üblicherweise von mir. In diesem Falle komme ich erstmal nicht zu Wort, weil ich mir Geschichten darüber anhören muss, wie furchtbar das ist, was wir hier machen, und dass noch viel Zeit ins Land gehen muss, bis sich das mal durchgesetzt hat. Ich nehme es mit einem Lächeln hin. Irgendwann ist der Tag bestimmt vorbei.

Dann darf ich reden und spule meinen Vortrag ab. Als wir schließlich zum praktischen Teil übergehen, wird es wieder zäh. Denn obwohl es sich bei der Dame angeblich um eine ihres Faches handelt, fallen schon bei simplen Textbearbeitungen Mängel auf. Makros sind völlig unbekannt. „Suchen/Ersetzen“ ruft große Verwunderung hervor und über die korrekte Schreibweise müssen wir auch das eine oder andere Mal streiten. Mir wird ein bisschen schlecht.

Jetzt kann man eigentlich nur noch Vergrämungstaktiken fahren. Ein bisschen was haben wir wohl unbewusst im Vorfeld schon erledigt, denn die Dame desinfiziert das Klo, als sie sich einmal kurz „zurückzieht“. So etwas macht man eigentlich nur, wenn man Opfer einer Zwangserkrankung ist oder sich aus Versehen auf einem Bahnhofsklo erleichtern muss.

Aber wir haben noch andere Dinge vorbereitet. So darf der große Typ da im Nachbarzimmer gern mal näher rücken und mir verliebt in die Augen schauen. Manchmal tätschelt er mir auch den Popo. Ich kichere dann albern und klappere mit den Augen. Der neuen Mitarbeiterin werde ich natürlich nicht stecken, dass der Mensch da Frau Müllers angetrauter Ehegatte ist. Stattdessen flüstere ich der Dame in einer stillen Minute ins Ohr, dass man den Männern immer wieder Anreize geben sollte, damit ihnen der Spaß an der Arbeit erhalten bleibt. Dann lasse ich die Neue mit ihren Gedanken allein.

Mit Pech wird die sich jetzt an meinen Gatten heranmachen. Mit Glück sucht sie das Weite… Scheiß auf Vertretung. Ich bin eh in vier Monaten wieder da…

Alles schwer…

Doch, ist nett, dass Sie mich alle über den Zaun hinweg beobachten und hilfreich Angaben über den Abstand meines Mutterbauchs zum Erdboden machen. Und nein, ich werde mich schon nicht überanstrengen. Es sei denn psychisch, weil ich mich so über Sie ärgere.

Gestern und vorgestern musste man das Wetter geradezu ausnutzen. Diesbehuflich hatte ich extra die eine oder andere Stiege Pflanzen erstanden, die ich ganz frühlingshaft in die 25 Kübel setzen wollte, die momenten gut versteckt unter unserer Gartenfichte lagern. Die Säcke Erde trug Herr Müller, weil mittlerweile auch alle Nachbarn spitzgekriegt haben, dass Frau Müller „guter Hoffnung“ ist und mit Argusblick darüber wachen, dass ich auch ja nix hochhebe und von A nach B trage.

Am Samstag wurde also in aller Frühe das Kind in den Garten gescheucht und Muddern ging gleich hinterher, um sich der Primeln zu widmen. Sie glauben allerdings nicht, wie schnell Oma Erna am Zaun erscheinen kann. Trotz Gehhilfe.

„Machen Sie das nicht!“ droht sie mir über den Zaun hinweg. „Sie werden sich noch was tun!“
„Erna,“ gebe ich noch entspannt zurück. „Das einzige, was ich mir tun kann, ist die Finger dreckig zu machen.“ Aber das glaubt sie mir nicht.
„Das muss jetzt alles Ihr Mann machen!“ bekomme ich zu hören.
Ich hebe eine Primel in die Luft „250 Gramm, mit Topf!“ rufe ich. „Das darf ich!“
„Ne, entspannen dürfen Sie, sonst nix!“
„Das entspannt mich!“
„So hören Sie sich aber nicht an!“

Ach was…

Ich könnte es verstehen, wenn man mir den Spaten wegnimmt, mit dem ich versuche, das Gemüsebeet umzugraben. Oder die Axt, mit der ich das Kaminholz für die nächste Saison vorbereite. Aber die kleine Schaufel und die Blümkes werde ich verteidigen. Zur Not mit Gewalt.