Alles neu…

Strom in einen Raum zu bringen, der vorher keinen Strom hat, ist simpel. Man guckt sich die nächstgelegene Steckdose aus, bohrt ein Loch durch die Wand und verzeigt das Stromkabel ins nächste Zimmer. Kein  Hexenwerk. In der Praxis muss das zu versorgende Zimmer allerdings erst einmal leer geräumt werden. Das steckt nämlich, obwohl es bereits vor geraumer Zeit entrümpelt wurde, noch voller Krims, der ein sauberes Verlegen von Stromleitungen unnötig erschwert.

„Das Gerümpel muss aber noch raus.“ sagt denn auch der Elektriker beim Hausbesuch. Ich gucke säuerlich. Der Schrank da ist kein Gerümpel, er enthält Farben und Lacke, die für die Hübschhaltung des Hauses unumgänglich sind. Die Skier brauche wir noch, ebenso den Kinderschlitten. Und die Regale mit den Lebensmitteln sind im Falle der sicher demnächst eintretenden Zombi-Apokalypse überlebenswichtig.

Nichtsdestotrotz hat der Mann recht. Will er Kabel verlegen, braucht er die eine oder andere freie Wand.

„Was soll denn das hier überhaupt mal werden?“ Der Elektriker schaut sich skeptisch um.

„Ein Zimmer.“ sage ich. Ein Fitness-Raum, um genauer zu sein. Alle meine Sportgeräte hausen derzeit im Gästezimmer. Und machen es Gästen mittlerweile schwer, von der Tür zum Bett zu kommen. Was die Idee hat reifen lassen, den bisher ungenutzten Gerümpelkeller zum Fitnesskeller zu befördern.

Gestern also haben wir damit begonnen, schon mal den Farbenschrank die Treppe heraufzuzerren. Der ist nicht besonders schwer, dafür aber ziemlich widerspenstig. Und die Treppen hoch will er schon gar nicht. Bereits auf Stufe 3 habe ich den Schrank auf dem Fuß. Info am Rande: So ein Zehennagel hält einem Schrank nicht lange stand, der knickt einfach in der Mitte durch und tut dann doll weh. Einen verarzteten Fuß später steht der Schrank auf der Terrasse. Und Herr Müller kämpft im Keller mit Spinnen und -weben.

Wand 1 wäre nun frei für 2 von insgesamt 4 Steckdosen. Wand 2 folgt, wenn der Elektriker den Startschuss gibt und mein Zeh wieder zusammengewachsen ist. Die Trockenbauer, die gleich danach die offen liegenden Gas- und Wasserleitungen verkleiden sollen, sind dann hoffentlich nicht so pingelig…

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Wöchentliches…

Das Badezimmer darf als fertig betrachtet werden. Oder dürfte – wenn da nicht der Wassereinbruch im Einbauschrank gewesen wäre.

Erst hatten wir nur Kondenswasser im Verdacht. Dann aber lief es derart munter die Wände herab, dass wir einen Einfluss von außen doch in Erwägung ziehen mussten. Die kontaktierte Bäderfachfirma, seinerzeit für den Einbau des Schrankes zuständig, kam denn auch flink vorbei und sägte den bombenfest in der Wand verbauten Schrank wieder frei. Bereits während der Befreiung bemerkten alle Anwesenden Nässe von oben. Nach erfolgtem Ausbau des Schranks war der Schuldige dann auch rasch ausgemacht – hinter dem Schrank verläuft nämlich ein Abluftrohr. Und weil das im Zuge der Umbauarbeiten im Müllerschen Bad verschoben werden musste, es aber offensichtlich nicht damit getan war, das Rohr einfach zu nehmen und nach rechts zu drehen, kam es zum Wassereintritt bei Regen.

Nun haben wir ein neues Entlüftungsrohr, durch das es garantiert nicht mehr reinregnet und warten darauf, dass man uns einen neuen Schrank liefert. Denn der alte hatte zuverlässig das getan, was Holz nunmal tut, wenn es nass wird und war rundherum aufgegangen wie Popcorn in der heißen Pfanne.

Nichtsdestotrotz freuen wir uns über unser neues Badezimmer und können gar nicht fassen, wie viel Platz wir plötzlich haben. Auch die verschwundene Badewanne vermisst niemand: Haben wir doch jetzt eine Dusche, in der man aufgrund ihrer Größe zur Not auch ein- oder zwei Kraulzüge machen kann…

Weil sich zu schönen Dingen aber stets auch Unbill gesellt:

Die Läuse sind zurück. Obwohl… eigentlich sind sie nie weg gewesen, wenn man den Betreuern im Hort glauben mag. Am Freitag bereits erreicht mich der Anruf: Sofort das Kind abholen! Ob man einer Arbeit nachgeht, ist verhältnismäßig irrelevant. Man hat alles von sich zu werfen und im Tiefflug das Kind einzusammeln. Ich tue, wie mir geheißen, allerdings erst mit einstündiger Verspätung. Im Schulhort angekommen, ist das Kind bereits komplett für den Heimweg angezogen. Und will wissen, warum es nach Hause gehen soll. Ich nehme den Nachwuchs mit und kläre auf dem Heimweg die Situation. Gleichzeitig erzählt das Kind, dass es nicht das einzige ist, das nach Hause gegangen ist. Offensichtlich wurden neben mir noch etliche andere Mütter verständigt. Die Rudelbelausung minimiert zwar das Stigmatitierende am Befall, ändert aber nichts an der Situation für die Betroffenen.

Seit über sechs Monaten laust es in Schule und Hort. Dass es unser Kind erst das zweite Mal erwischt hat, kommt einem Wunder gleich. Auf der Suche nach vorbeugenden Mittelchen bin ich nun auf Weidenrindenshampoo gestoßen. Das, so heißt es, soll präventiv vor Lausbefall schützen. Weil Läuse den Geruch nicht mögen. Ob das tatsächlich der Fall ist, wird die nun im Müllerschen Haushalt gestartete Testreihe ergeben. Man darf gespannt sein…

Darüber hinaus fällt nun langsam die Familie in den Vorweihnachtsstress ein. Habe bislang nur ich rotiert, will man plötzlich von allen Seiten wissen, wie es sich dieses Jahr mit den gegenseitigen Besuchen verhält. Ich verliere rasant den Überblick und kann nach dem sechsten Anruf nur noch abwimmeln. Denn wir haben nicht nur Familien. Auch Freunde, Kindergärten, Schulen und Vereine wollen an den noch verbleibenden Wochenenden besucht und gefeiert werden. Hinzu kommt, dass bereits alle Müllerkinder an Kunststücken proben, die es irgendwann demnächst vor Publikum vorzuführen gilt. Ob wir an diesen Terminen überhaupt Zeit haben, steht in den Sternen. Hauptsache das weihnachtliche Krippenspiel in der Schule steht. Die Frage nach Zweitbesetzungen werden mit hochgezogenen Augenbrauen beantwortet.

Wenigstens das Wetter entspannt uns ein bisschen. Den wochenendlichen zweistelligen Temperaturen sei Dank war sogar noch ein bisschen Sonnenbräune drin. Man gönnt sich ja sonst nichts…

Hamma nich, sowas…

Er findet die Handtücher im Schrank nicht.

Ist beim Opa genauso – Oma schickt ihn Hemden holen, er macht den Schrank auf, guckt rein, macht den Schrank zu und sagt „Liegt da nicht.“

Wie kann es sein, dass ein Mann in stockfinsterer Nacht noch mit verbundenen Augen im peruanischen Dschungel ein verschollenes Basislager aufstöbert, aber keine Socken in der Sockenschublade sieht? Wie kann es sein, dass er schwört, genetisch mit einem GPS ausgerüstet zu sein, aber trotzdem behauptet, der Schrank da enthielte gar keine Krawatten? Und erklären Sie mir das jetzt bitte nicht evolutionstheoretisch mit den Beeren und Käfer sammelnden Urfrauen, auf lange Wanderschaften gehende Urmänner und der Tatsache, dass alles, was kleiner als ein Gnu ist, für den Mann in Unsichtbarkeit verschwindet. Das kann ich nicht gelten lassen. Auch die angeblich weniger differenzierte Farbwahrnehmung des männlichen Individuums kann kein Grund dafür sein, dass Socken unsichtbar werden, wenn Mann sich der Schublade nähert.

Ich bemühe oft den Satz „Schau mit den Händen!“ und meine damit: Schieb mal das Ding da ein wenig nach rechts und das andere nach links und oh Wunder – es wird sich die Erkenntnis offenbaren, dass wir sehr wohl Socken, Taschentücher, Messer, Teller oder Marmelade besitzen. Aber ebenso oft steht Mann dann da und zuckt hilflos mit den Schultern: „Hamma nich.“

„Wenn ich da jetzt hinkomme und das Ding steht da, gibt´s Ärger!“ versuche ich es auf die liebevoll sanfte Art. Aber auch ein zweiter Blick in den Schrank kommt zum Ergebnis: „Ne, hamma nicht!“ Ich will Ihnen ersparen, was ich erblicke, als ich den Schrank öffne….

Schrank… voll…

„Ihr braucht keinen Schrank!“ hieß es jahrelang aus der Firmenzentrale unseres Weltkonzerns. „Ihr habt einen extra Raum mit ganz vielen Regalen und Ablagemöglichkeiten, da muss man sich den schönen wertvollen Arbeitsraum nicht noch durch Schränke zusätzlich verkleinern. Außerdem gibt es keine schönen Schränke, die sich harmonisch in einen derart dynamischen Arbeitsplatz wie den Euren integrieren.“

Nun stimmt das mit dem extra Raum, den wir fleißig vollmüllen dürfen, durchaus. Und unter jedem Tisch steht außerdem ein Rollcontainer, der die Mittags-Schokolade, Vor-Feierabend-Kekse und Zwischendurch-Bonbons liebevoll lagern kann. Auch kann man mit einem Wisch unauffällig sämtliche Frauenzeitschriften in den Schubladen verschwinden lassen, wenn sich plötzlich die chefliche Visite ankündigt. Nichtsdestotrotz ist ein Raum ohne Schrank ziemlich… leer. Es hallt auch ein bisschen – selbst wenn man nur die Tatstatur seines PCs betätigt. Und Poster machen einen Raum zwar bunter, aber auch nicht voller.

Letzte Woche passierte dann das Unglaubliche. Wir bekamen Schränke. Ganz plötzlich. Als Raumteiler, damit wir unseren Kollegen nicht mehr ins Gesicht blicken müssen. Nun ist das Zimmerecho weg, ich muss mich morgens in Zukunft weniger um mein Make-up kümmern und wir haben ganz viel Stauraum.

Ganz. Doll. Viel.

Und wie das mit plötzlicher Freiheit so ist, weiß keiner etwas mit ihr anzufangen. Was in den Schrank hineinlegen? Meinen Duden könnte ich reinstellen oder die diversen medizinischen Lexika. Aber dann mache ich die Tür zu und die Bücher sind weg. Und ich muss jedesmal, wenn ich postneoplasmatische Retinokulationsdegenerativphase oder ähnlich sinnfreie Fremdwörter, nachschlagen muss, aufstehen.

Und dann wagte ein Kollege gestern den Befreiungsschlag. Energisch stand er auf, öffnete die Tür seine Schranks und…

… legte einen Stift hinein.

„So!“ seufzte er befreit. „Voll!“