Voll oll…

Dings… äh… so fängt neuerdings mein Tag an. Was wahrscheinlich ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass das mit dem Alter jetzt doch schneller vorangeht, als ursprünglich angenommen. Bis 35 wird frau ja angeblich immer besser. Ab 35 geht´s dann abwärts.

Kann ich bestätigen.

Herr Müller weckt mich neuerdings morgens dreimal. An die ersten beiden Male kann ich mich grundsätzlich nicht erinnern. Nur die Tatsache, dass der bereitgestellte Kaffee kalt ist, deutet darauf hin, dass ich wohl mindestens eine halbe Stunde überfällig bin. Zum Glück kann ich mich mit traumwandlerischer Sicherheit allein anziehen. Und auch das mit den Restraurationsarbeiten am Gesicht beherrsche ich so gut, dass ich weder wach sein muss noch sonst irgendwie zurechnungsfähig.

Dabei habe ich echt gehofft, im Alter mit weniger Schlaf auszukommen. Nicht umsonst gibt es den schönen Begriff der „senilen Bettflucht“. Aber nichts da. Je oller ich werde, desto lahmarschiger reagiert der Metabolismus. Da liegt immer noch so verdammt viel Melatonin herum, während es doch eigentlich schon wieder Zeit für den Trupp ist, der das Cortisol vorbeibringen soll…

Natürlich könnte ich den Stoffwechsel jetzt selbst ein bisschen ankurbeln. Ich könnte zum Beispiel Joggen gehen. Aber haben Sie mal rausgeguckt? Bei dem Wetter riskiere ich eine Lungenentzündung und einen Oberschenkelhalsbruch! Vielleicht, wenn es wieder ein bisschen wärmer draußen wird… Ich könnte natürlich auch pflanzlich vorbeugen. Mit Knoblauch zum Beispiel. Das hilft Rentnern doch dabei, unglaublich schlecht zu riechen flink zu denken! Oder nicht? Das ist doch bestimmt für alles Mögliche gut, von der Vampirflugabwehr mal abgesehen. Oder ich könnte… äh…

Ach, ich leg mich einfach wieder hin…

Advertisements

Hier nicht essen…

Memo an mich selbst: Wenn man nachts im Traum mit Zombies darüber diskutiert, dass im eigenen Vorgarten keine Gehirne verzehrt werden dürfen, ist es wohl an der Zeit, die Gemeindeversammlungen des Rentnerviertels zukünftig nicht mehr zu besuchen.

Halloween – gern auch pink…

Ach du lieber Gott, da war doch noch was.

Halloween…

Bei uns im Rentnerviertel bleibt man von solcherlei Späßen ja eher verschont. Die alten Leute sehen nämlich den Untergang des Abendlandes eingeläutet, wenn sich bereits Kinder als Boten des Todes verkleiden. Außerdem ist ihnen diese importierte Feierlichkeit nicht geheuer. Sagte doch letztens Oma Erna zu mir, mit Särgen habe sie es nicht so, weil das schließlich das nächste Möbelstück sei, das sie besitzen würde. „Ach, kann man sowas in der IKEA kaufen?“ wollte ich munter wissen, aber der Scherz verpuffte im Angesicht einer total schockierten Seniorin. Merke: Keine Sarg-Witze im Beisein von Rentnern.

Mein Kind sprang mich übrigens heute früh aus einer Ecke an und krähte: „Ich bin ein Skilätt!“ Dank eines gestern eigens gekauften Kostüms stimmte das sogar. Heute darf die Brut nun im Kindergarten ungestraft vor sich hin skelettieren. Da sieht man das nicht so eng und bastelt sogar Spinnen aus Klopapierrollen und Pfeifenreinigern.

Übrigens, Kindergarten und Halloween: Sie glauben nicht, wie viele Prinzessinnen mir heute Früh begegnet sind. Und Feen! Ich darf die pinken Feen nicht vergessen! „Seid ihr wenigstens untot?“ wollte ich wissen. „Oder böse Feen?“ Aber nix da. Die kleinen Mädchen wollten davon nichts hören.  Stattdessen wurde ich mit Sternenzauberstäben betippst: „So, du bist jetzt eine Prinzessin!“

Das üben wir aber noch mal.

Auf Anfang…

Das Haus nebenan steht schon wieder leer. Ich darf Ihnen versichern, dass das nicht unsere Schuld ist. Wir sind total nette Nachbarn. Doch, doch, hören Sie nicht auf das, was die anderen sagen… Schuld ist vor allem die Tatsache, dass unlängst beschlossen wurde, die Kontingente der US-Army in unserer Nachbarschaft aufzulösen. Das Gefolge wird nun also umverteilt oder geht wieder nach Hause, und bei uns gibt es den einen oder anderen Hausleerstand.

Und unser Kind muss wieder einmal Abschied nehmen von besten Freunden. Kaum haben sich die Blagen aneinander gewöhnt (und die Erwachsenen auch), wird schon wieder weggezogen… Das ist schade. Die Kinder haben die Tatsache des Abschieds zum Glück noch gar nicht richtig gerafft. Mit vier Jahren dreht sich die Welt außerdem so schnell, dass der Trennungsschmerz sicher bald verflogen ist. Schnell noch ein Foto ins Freundebuch geklebt…

Eine weitere Neuigkeit ist auch, dass das Haus erstmals nicht wieder neu vermietet werden soll sondern verkauft wird. Ich stelle mich auf einen längeren Leerstand ein, denn so richtig flott gehen Häuser in letzter Zeit ja nicht über den Ladentisch. Und die Ollen schon gar nicht. Außerdem hat der Besitzer gut unterrichteten Quellen zufolge einen Mondpreis anvisiert, der seinesgleichen sucht. Ja, die Immobilienpreise ziehen wieder an, Sie haben recht. Aber so sehr nun auch wieder nicht. Zumal, wenn man weiß, was am Haus alles gemacht werden muss (und wir – da im gleichen Gebäudetyp wohnend – wissen das nur zu gut).

Nichtsdestotrotz laufen die Besichtigungen. Ich habe schon den einen oder anderen Interessenten aus meinem Garten vertrieben, Oma Friede hat die Polizei gerufen, weil ominöse Gestalten die Nachbarschaft ausgekundschaftet und Fotos gemacht haben und wir stellen unsere Kinder immer dann auf laut, wenn Leute auf der Bildfläche erscheinen, die wir so gar nicht leiden können. Obwohl ich mir sicher bin, dass letzteres gar nicht nötig sein wird. Es reicht, dass da deutlich sichtbar ein Kinderwagen im Garten steht. Und wer, der doof genug ist, zu viel Geld für ein Haus auszugeben, kauft sich schon in unmittelbarer Nachbarschaft eines Kinderhaushaltes ein? Für die übrige Abschreckung sorgen außerdem unsere greisen Nachbarn, die auf Patrouille gehen, sobald sie Unbekannte erblicken, immer bereit, die Polizei zu rufen.

Bleibt zu hoffen, dass wir keine bösen Nachbarn bekommen. Bei zwei vergangenen tollen Nachbarn wäre Murphy zufolge mittlerweile ja ein schlechter dran. Aber ich weiß, das Universum wird ein Einsehen haben. Die skurrilen Nachbarn, das sind schließlich schon wir… fragen Sie mal unsere Rentner…

Verkehrszähler…

Die Verkehrszähler sind wieder da. Seit heute früh sitzt an allen relevanten Kreuzungen und An- und Abfahrten Jungvolk auf Campingstühlen und schaut gelangweilt dem Verkehr zu.

Vorbei sind anscheinend die Zeiten, in denen die statistische Erfassung vorbeifahrender Autos fest in Rentnerhand war. Heutzutage sitzen Studenten auf klapprigen Stühlen und essen mitgebrachte Butterbrote und Gurkenschnitz. Früher machte sowas immer das Seniorenpaar Helga und Erwin – die wohnen drei Häuser weiter und sind getrost in die Kategorie Dynamischer Rentner einzuordnen. Sie sind aktiv im Sportverein, sie fahren jedes Jahr ein paar Wochen in den Süden, sie besitzen einen kleinen albernen Hund, der sogar Schmetterlinge verbellt und stolz winzige Stöckchen nach Hause trägt…

Helga und Erwin nun sind jedesmal, wenn die Stadt zur Verkehrszählung aufrief, ihrer Bürgerpflicht nachgekommen. Helga hat früh schon Brote geschmiert und Limonade kaltgestellt. Sie hat Kaffee in zwei Thermoskassen gefüllt (entkoffeiniert für sie, zäh wie Kaugummi für ihn). Sie hat kleine Snacks eingepackt und Äpfel geschnitten. Er hat derweil zwei Klappstühle in den Wagen geladen und den Sonnenschirm dazu. Dann hat er sich auf die Suche nach dem Hut mit der breiten Krempe gemacht und die selbsttönende Brille eingepackt. Zum Schluss hat er sich von Helga zeigen lassen, wo die Sonnencreme steht. Dann war man abfahrbereit und der Tag an der Kreuzung, mit Klemmbrett und Klicker, konnte beginnen…

Und jetzt? Sitzen da so Studenten rum. Auch mit Hut, Sonnenbrille und Kühltasche, nur fünfzig Jahre jünger. Und trotz der Prophezeihung, dass die Jugend von Heute kein Durchhaltevermögen hat, sind die Klappstühle auch am Nachmittag noch besetzt. Helga sieht mit der neuerlichen Arbeitswut des Jungvolks ihre Nebeneinkünfte schwinden. Aber mit Erwins Hilfe, der jeden Morgen die Zeitung liest, besinnt sie sich auf die generell prekäre Finanzlage hoffnungsvoller junger Menschen. Die müssen doch jetzt alle Studiengebühren zahlen und in WGs wohnen. Die sollen sich ihr Konto mal aufbessern, nicht die Besserverdiener-Rentner…

Helga und Erwin haben jetzt auch wieder viel mehr Zeit für Bingo und Boule.

Wenn ich mal alt bin…

Dinge, die ich machen will, wenn ich mal alt bin:

  • Bei langweiligen Gesprächen unvermittelt einschlafen.
  • Oder auch: Gehörlosigkeit vortäuschen und so lange „Hääääh?“ machen, bis mein Gegenüber aufgibt.
  • Der Kassiererin meinen geöffneten Geldbeutel mit 2Cent-Stücken hinhalten und sagen: „Ich kann doch nicht mehr so richtig gut gucken….“
  • 30 Minuten damit zubringen, an der Kasse des Supermarkts meinen Wagen auszuleeren.
  • Über die heutige Jugend schimpfen (sprich: alles bis 62).
  • Mit meinem Gehstock Passanten bedrohen, weil sie schneller gehen als ich.
  • Mitten auf dem Weg eine Sitzpause auf meinem Geriatridenporsche einlegen.
  • Ungefragt Vorträge über seit 100 Jahren vergangene Dinge halten und blödsinnige Rückschlüsse auf die heutige Zeit ziehen.
  • 15 Katzen und 42 Wellensittiche halten.
  • Den eigenen bereits seit 40 Jahren volljährigen Kindern Münzen für ein Eis zustecken.
  • Eine schicke lila Dauerwelle machen lassen.
  • Ungefragt Auskunft über die eigenen Krankheiten geben.
  • Fremde junge Männer (aber nur die Hübschen!) ansprechen, damit mir jemand die Mülltonnen vors Haus rollt.
  • An meinem Geburtstag alle Gäste um 17Uhr rausschmeißen, weil Zeit fürs Abendbrot ist.
  • Immer darauf achten, dass man ja keinen Zug bekommt.
  • Stützstrümpfe tragen, die trotzdem immer Falten werfen.

In diesem Zusammenhang kann ich Ihnen übrigens auch diese und diese Lektüre empfehlen. 

Und jetzt sind Sie dran!

alea iacta est…

Die Würfel sind gefallen…

Einen Monat haben wir noch Ruhe und dann ist es soweit: Die neuen Nachbarn ziehen ein. Nach unzähligen Ausschlussrunden hat sich der Vermieter des schicken leerstehenden Häuschens nun endgültig entschieden. Wahrscheinlich ist seine Wahl nicht unbedingt im Sinne der übrigen Nachbarschaft – es zieht eine Familie mit zwei Kindern ein. Zwei Kleinkindern. Nun, auf diese Weise fällt zumindest Heavy Metal in Papas geliehenem Opel um 3Uhr nachts aus, dafür ist um die gleiche Zeit unter Umständen Geschrei angesagt. Ich meine, niemand weiß, wie klein die Kinder wirklich sind…

Wie ich bereits einmal erwähnte, wohnen Herr Müller und ich direkt auf dem Altersäquator unserer Siedlung. Rechts von uns gibt es nur junge Leute, links dagegen regieren die Silberhäupte. Bereits als wir einzogen, deutete sich eine Art Generationenwechsel an, aber so richtig wahrhaben wollte es damals noch keiner im beschaulichen Rentnerviertel. Man beäugte uns misstrauisch, registrierte Tätowierungen und ominöse T-Shirt-Aufdrucke und nahm genau die Möbelstücke in Augenschein, die die Umzugshelfer ins Haus trugen. Dann schickte man einen Vermittler vor, der bei Röstkaffee und Marmorkuchen klären sollte, ob wir vielleicht einen Swingerclub oder – schlimmer noch – ein Piercingstudio eröffnen. Beides konnten wir glaubhaft verneinen, waren wir doch auf der Suche nach ländlicher Stille… was uns freilich zunächst so recht keiner glaubte… Mittlerweile sind wir nicht nur eingebürgert, es haben uns auch ganz viele junge Leute den Schritt  ins Dorfidyll nachgemacht. Und aus der Rentnersiedlung ist nach und nach ein Familiendorf geworden…

… und jetzt noch so eine Familie mit zwei Blagen… Ich erwarte eigentlich nun mindestens eine Ältestenversammlung unter der Linde im Dorfzentrum, wo mit viel Palaver und Überbringung von Geschenken das Schicksal der Neuankömmlinge besprochen wird. Nimmt man sie wohlwollend in die Gemeinschaft auf? Oder lässt man sie zunächst die schwierigen Vokabeln „Vertikutieren“ und „Unkrautjähten“ buchstabieren, während man feierlich den Müllabfuhrplan nebst Straßenkehrwochen-Vereinbarung überreicht?

Man weiß es nicht…