Vertauscht…

„Frau Müller“ steht in der E-Mail. „Meinen Sie nicht, es wird langsam mal Zeit, dass Sie die Abrechnungen durchschicken? Ich warte seit letzter Woche darauf!“

Ich kenne den Absender. Es handelt sich um einen unserer Kunden, der vor gefühlten zwanzig Jahren mal einige Aufträge für uns hatte. Mit Abrechnungen allerdings war da nichts dabei, was die Vermutung nahelegt, dass ich Opfer einer Verwechslung geworden bin.

„Ich fühle mich leider nicht in der Lage, Ihrer Bitte nachzukommen.“ schreibe ich dienstbeflissen zurück. „Buchhaltung ist so gar nicht mein Metier.“

Lange passiert gar nichts. Dann zeigt Outlook eine neue Mail an. Eine Antwort ist da.

„Sie hätten sich ja wenigstens bemühen können!“ steht da. Und ganz unten ein kleiner Smiley.

Müller ist eben doch ein ziemlich weit verbreiteter Name…

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Alles falsch…

Heute kommt ein Päckchen mit der Arbeit eines Doktoranden. Wir sollen korrekturlesen. Das ist unser täglich Brot, weshalb ich mich sofort ans Werk mache. Zur Klärung einiger Fragen muss ich den angehenden Dr. phil. dann aber doch noch mal anrufen.

Wie immer, wenn man Gespräche mit klugen Köpfen führt, noch dazu mit schreibenden klugen Köpfen, komme ich gratis in den Genuss eines ausschweifenden Vortrags über die Unbill des Wissenschaftlerlebens. Eingestreut werden Anekdoten über den Geruch alter Bücher, Apfelgriebsche in Laptop-Taschen und die lebenserhaltende Wirkung von Dosenravioli auf mittellose WG-Bewohner. Nun bin ich kein angehender Dr. phil., aber da kann ich auch als schnöde M.A. mitplappern.

Am Ende des Gesprächs kommen wir wieder auf die Doktorarbeit an sich zu sprechen. Ja, es ist alles angekommen und soweit in Ordnung. Ja, der Abgabetermin wird eingehalten. Doch, das können wir versprechen. Wenn sich in weiten Teilen der Arbeit nichts mehr ändert, geht das für mich in Ordnung.

Hier stockt der angehende Titelträger. Wie ich das meinen würde, will er wissen.
„Wenn Sie die Arbeit nicht noch mal umschreiben, können wir den Abgabetermin einhalten.“
„Warum denn umschreiben, stimmt was mit dem Inhalt nicht?“
„Nein, mit der Arbeit ist alles bestens.“
„Haben Sie Fehler gefunden?“
Ich kläre darüber auf, dass ich nicht befugt bin, darüber Auskunft zu geben. Das ist als Scherz gedacht, aber der geht nach hinten los. Merke: Keine Witze für nervöse Titelanwärter.
„Wo denn?“ will er wissen und ich sehe ihn gedanklich seine Arbeit durchblättern. „Stimmt was mit der Argumentation nicht?“
Hmpf… 

Merke für die Zukunft: Sätze vorher genau einstudieren, wenn man mit nervösen Doktoranden spricht. Keinesfalls vom eigentlichen Thema abweichen. Und um Gottes Willen: Keine Witze machen!

Einen habe ich aber noch: Meinte doch letztens ein Kunde im Gespräch über seinen Text: „Aber nicht lesen!“ Ne, machen wir grundsätzlich nicht…

Och nö…

Am Freitag ist ja definitiv Ende Gelände. Will heißen: Frau Müller verabschiedet sich in den Mutterschutz. Bewundernswert, dass der Arbeitgeber es tatsächlich geschafft hat, drei Tage vor Ende eine Vertretung zu organisieren.

Auf der Bildfläche erscheint: Eine Dame mittleren Alters, Typ: Münchner Schickeria. Blondiert, toupiert, Glitzerjäckchen. Der erste Satz lautet: „Das muss heute schnell gehen, ich habe noch Termine.“ Dann bekomme ich gesteckt, dass die Dame keine Kinder hat und somit belastbar ist. Angebotene Lebensmittel werden zudem mit den Worten abgelehnt: „Sie können das gern essen, ich werde nur fett.“

Das kann ja heiter werden.

Die Einarbeitung an sich ist standardmäßig erst einmal ein Monolog. Üblicherweise von mir. In diesem Falle komme ich erstmal nicht zu Wort, weil ich mir Geschichten darüber anhören muss, wie furchtbar das ist, was wir hier machen, und dass noch viel Zeit ins Land gehen muss, bis sich das mal durchgesetzt hat. Ich nehme es mit einem Lächeln hin. Irgendwann ist der Tag bestimmt vorbei.

Dann darf ich reden und spule meinen Vortrag ab. Als wir schließlich zum praktischen Teil übergehen, wird es wieder zäh. Denn obwohl es sich bei der Dame angeblich um eine ihres Faches handelt, fallen schon bei simplen Textbearbeitungen Mängel auf. Makros sind völlig unbekannt. „Suchen/Ersetzen“ ruft große Verwunderung hervor und über die korrekte Schreibweise müssen wir auch das eine oder andere Mal streiten. Mir wird ein bisschen schlecht.

Jetzt kann man eigentlich nur noch Vergrämungstaktiken fahren. Ein bisschen was haben wir wohl unbewusst im Vorfeld schon erledigt, denn die Dame desinfiziert das Klo, als sie sich einmal kurz „zurückzieht“. So etwas macht man eigentlich nur, wenn man Opfer einer Zwangserkrankung ist oder sich aus Versehen auf einem Bahnhofsklo erleichtern muss.

Aber wir haben noch andere Dinge vorbereitet. So darf der große Typ da im Nachbarzimmer gern mal näher rücken und mir verliebt in die Augen schauen. Manchmal tätschelt er mir auch den Popo. Ich kichere dann albern und klappere mit den Augen. Der neuen Mitarbeiterin werde ich natürlich nicht stecken, dass der Mensch da Frau Müllers angetrauter Ehegatte ist. Stattdessen flüstere ich der Dame in einer stillen Minute ins Ohr, dass man den Männern immer wieder Anreize geben sollte, damit ihnen der Spaß an der Arbeit erhalten bleibt. Dann lasse ich die Neue mit ihren Gedanken allein.

Mit Pech wird die sich jetzt an meinen Gatten heranmachen. Mit Glück sucht sie das Weite… Scheiß auf Vertretung. Ich bin eh in vier Monaten wieder da…

Ganz formell…

Lieber Assistenzarzt,

bitte vertrau mir. Ich weiß, was ich tue. Doch, doch. Ich mache das lange genug, um von mir behaupten zu können, dass ich meine Arbeit verstehe. Und vor allen Dingen lange genug, um behaupten zu können, dass ich die Arbeit anderer respektiere. Du musst also nicht im Halbstundentakt anrufen und fragen, wie es denn steht. Ich werde dir nämlich keine Note für deine Arbeit geben. Ich werde sie lediglich überarbeiten. Nein und das heißt nicht, dass ich alle deine Erkenntnisse über den Haufen werfen und stattdessen meine Sicht der Dinge anbringen werden. Das darf ich nämlich gar nicht, weißt du?

Danke, es ist nicht nötig, dass du mich besuchen kommst, damit wir die wichtigen Passagen nochmal durchsprechen können. Dazu habe ich keine Zeit und ich hoffe doch schwer, du auch nicht. Denn du bist ja Arzt (wenn auch nur einer mit einem Assistenten davor, aber ich will mal nicht so sein).

Gespräche über „In der heutigen Zeit macht man das ganz anders“ führe ich grundsätzlich nicht. Auch keine Gespräche über wissenschaftliche Standards und deine Auffassung von Rechtschreibung. Wir gehen immer gern und sehr bemüht auf die Wünsche unserer Kunden ein. Das beinhaltet aber nicht, dass wir orthographischen Unsinn übernehmen, nur weil du denkst, das muss so sein.

Nein, nach Feierabend bin ich nicht mehr im Büro. Und auch am Wochenende nicht. Was du da machst, ist mir, ehrlich gesagt, wurscht. Ich bin am Wochenende nicht zu erreichen. Auch nicht für wichtige Fachfragen. Und nein, in anderen Büros ist das selbstverständlich nicht anders. Die gehen abends auch nach Hause.

Dass du immer sehr im Stress bist und noch dazu höchst akkurat, tut mir leid. Das behindert dich sicher sehr in deinem Alltag. Aber das erzählst du bitte einem Psychologen und nicht mir.

Dein Text ist zum Termin fertig. Vorher nicht. Wenn du hier nochmal anrufst, verschiebe ich den Termin aber vielleicht eine Woche nach hinten. Oder zwei. Denk mal drüber nach.

Herzliche Grüße,
Frau Müller.

Teilweise ganz oder: Der Abgabetermin….

Frau Müller schreibt: Hallo Herr Dr. Grasser. Ich habe heute Ihre Texte erhalten. Offensichtlich handelt es sich lediglich um etwa 1/3 des Materials. Bitte schicken Sie mir die Daten komplett zu, damit wir mit der Bearbeitung beginnen können.
Dr. P. Grasser schreibt: Hallo Frau Müller, anbei noch einmal ein paar Seiten.
Frau Müller schreibt: Ich benötige bitte das gesamte Manuskript.
Dr. P. Grasser schreibt: Sie können doch schon mal anfangen! Hier noch ein paar Seiten.
Frau Müller schreibt: Herr Dr. Grasser, ich kann nicht mit der Arbeit anfangen, solange ich das komplette Manuskript nicht vor mir habe.
Dr. P. Grasser schreibt: Jetzt stellen Sie sich aber mal nicht so an. (Smiley)

Dr. P. Grasser schreibt: Noch ein paar Seiten für Sie im Anhang!
Frau Müller schreibt: Dr. Grasser – Sie schreiben Ihr Manuskript aber nicht jetzt gerade erst zu Ende, oder?
Dr. P. Grasser schreibt: Nein.
Frau Müller schreibt: Dann hätte ich jetzt gern den gesamten Text.
Dr. P. Grasser schreibt: Ich kann Ihnen noch 10 Seiten schicken.
Frau Müller schreibt: Nein, ich brauche ALLES, bitte. Nicht nur 10 Seiten. Ich brauche das komplette 271 Seiten lange Manuskript.

Frau Müller schreibt: Sind Sie noch da, Herr Dr. Grasser?
Dr. P. Grasser schreibt: Gleich!
Frau Müller schreibt: Sie schreiben es doch gerade zu Ende, oder?
Dr. P. Grasser schreibt: Frau Müller, ich bin ein hart arbeitender Mann!
Frau Müller schreibt: Heißt das Ja?
Dr. P. Grasser schreibt:

Bitte anders… aber nicht so…

Wir haben einen Cunden, der vehement die Verwendung des Buchstabens „K“ ablehnt. Dieser Boycott geht so weit, dass besagter Cunde auch Rechtschreibfehler in Cauf nimmt. Im medizinischen Bereich, weil ursprünglich auf griechischen und lateinischen Wurzeln fußend, gäbe es schließlich auch cein „K“. Wir sollen uns jetzt mal bloß nicht so anstellen und seine Textfreiheit als Autor dahingehend tolerieren, dass wir ihm diesen Spleen lassen.

Aber, aber, wenn schon Spleen, dann doch einen Richtigen, bitte…

zum beispiel cönnte man auf die verwendung von versalien verzichten und becäme sofort ein wunderbar einheitliches schriftbild.

oder man vercichtet im cuge der lateinischen ursprünge auch auf das cett als buchstabe.

dann sollte man natuerlich auch gleich die laestigen umlaute weglassen. die stoeren ohnehin nur den schreibfluss.

ausserdem coennte das scharfe s, auch esscett genannt, getrost gestrichen werden. das ist auf der tastatur sowieso immer so schwer zu finden.

am besten waere es allerdings wenn man im cuge der spleenisierung cusaetclich complett auf saemtliche interpunction vercichten wuerde das irritiert moegliche leser cwar unter umstaenden ein bisschen aber man ist unheimlich schnell beim schreiben