Nicht telefoniert…

Hundertmal hat er schon angerufen. Mindestens. Wenn nicht noch öfter. Aber keiner ruft ihn zurück. Was denn mit uns los ist?
Ich muss mich gar nicht ahnungslos geben: Ich bin ahnungslos. Unser Telefon interessiert es nämlich nicht, wer wann anruft und einfach ohne Nachricht auflegt. Es speichert keine Nummern.
„Warum sprichst du nicht auf den Anrufbeantworter?“ will ich wissen.
„Ne, mach ich nicht!“ höre ich.
Ach so.“Aber dir ist schon klar, dass dich keiner zurückrufen kann, wenn du nicht auf den Ah Beh sprechen willst.“
„Doch, du siehst doch meine Nummer!“
„Nein, sehe ich nicht.“
„Doch!“
„Nein. Nur wenn du auf den Anrufbeantworter sprichst.“
Doch, bei mir ist das immer so. Ich sehe sogar am Computer, wer angerufen hat.“
„Das ist schön für dich, aber bei uns musst du schon auf den Anrufbeantworter sprechen, wenn du willst, dass man merkt, dass du angerufen hast.“
„Aber das mache ich grundsätzlich nicht!“
„Dann bist du einfach mal selbst schuld.“
„Aber warum seht ihr denn nicht, wer anruft? Habt ihr noch so ein Telefon mit Wählscheibe oder was?“
Ich seufze. Sehr laut. Das Augendrehen kann ich gerade noch unterdrücken. Aber auch nur, weil ich die Augen zumache.
„Außerdem seid ihr immer da, aber keiner geht ans Telefon.“
„Wir sind mitnichten immer da.“
„Doch, das Auto steht immer vor der Tür.“
„Wahrscheinlich deshalb, weil wir mit dem Zug zur Arbeit fahren.“
„Aber die Fenster sind auch immer offen!“
Das stimmt jetzt schon wieder nicht, aber wir drehen uns in unserer Ja-Nein-Doch-Diskussion ohnehin längst im Kreis. Ich setze dieses unverbindliche Lächeln auf, dass ich gern benutze, wenn ich Gespräche beenden möchte.
„Na, ruft ihr denn nun mal zurück?“
„Wenn du auf den Ah Beh sprichst.“
„Das mache ich nicht!“
Tja dann…

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Zufälliger Zufall…

Das Universum kennt ein unumstößliches Gesetz: Wenn auch nur die geringste Möglichkeit besteht, dass etwas passieren könnte, dann wird es auch passieren.

Wir sind am Sonntag Nachmittag in der weiteren Umgebung unterwegs. Weil das Wetter passt, haben wir spontan einen Ausflug gewagt. Normalerweise planen wir so etwas generalstabsmäßig vor. An diesem Sonntag ausnahmsweise nicht…  Das führt dazu, dass wir  sechs Dörfer weiter in einem kleinen Park aufschlagen, ein wenig herumspazieren und dann beschließen, ein noch geöffnetes Café zu entern.

Eine um sechs Ecken angeheiratete Verwandte von Herrn Müller wohnt übrigens in besagtem Dorf. Ein Kaff weiter ist weitere Verwandtschaft verstreut. Im Scherz sage ich noch: „Lass uns die doch mal anrufen. Vielleicht können wir uns auf einen Kaffee treffen.“ Wir rufen nicht an, wir treffen uns nicht. Und damit nimmt das Unheil seinen Lauf.

Vor dem Café erspähen wir nämlich oben erwähnte Verwandte, die ihr sonntägliches Damenkränzchen gerade verlassen hat und sich anschickt, ihren Rollator gen Heimat zu schieben. Wir stellen uns der alten Dame in den Weg, schütteln Hände, zeigen Kinder vor und Fragen nach dem werten Befinden, woraufhin Oma einen geriatrischen Auswahlkatalog an Wehwehs offenlegt, der seinesgleichen sucht. Dann winken wir uns zu und gehen in entgegengesetzte Richtungen davon. In dem Moment können wir noch über den lustigen Zufall scherzen, die Oma getroffen zu haben und bestellen im Café Kuchen und „Milchers.“

Keine zehn Minuten später nähert sich der Besitzer des Cafés unserem Tisch. Wir sollen doch mal ans Telefon kommen, sagt er. Da wäre ein Anruf für uns. Von wem, wisse er nicht. In Hollywood folgen auf so eine Szene üblicherweise die Übergabe eines Koffers, ein wilder Schusswechsel mit wahlweise russischen Geheimagenten oder einem Einsatzkommando der Polizei und eine Flucht quer durch Europa. Im wahren Leben trottet Herr Müller dem Mann hinterher und nimmt das Gespräch entgegen. Ein paar Augenblicke später kommt er mit langem Gesicht zurück…

Trotz ihrer Versicherung, nicht mehr so gut zu Fuß zu sein, hat es die Oma nämlich geschafft, wie ein Gepard nach Hause zu eilen, zum Telefon zu greifen und herumzuerzählen, dass sie uns gleich um die Ecke getroffen hat. Die derart ins Bild gesetzte Verwandtschaft hat nun nichts Besseres zu tun, als ihrerseits zum Hörer zu greifen und die Nummer des Cafés zu wählen, in das wir verschwunden sind.

Was dann folgt ist Gemaule darüber, dass wir nie anrufen, nie vorbeikommen und überhaupt immer unsichtbar sind. Und enterbt sind wir wahrscheinlich auch. Das konnte Herr Müller auf die Schnelle nicht eruieren. Aber der Cafébesitzer fand´s lustig. Immerhin.

Um die Sache wieder ein bisschen geradezurücken, sind nun nächste Woche alle bei uns zum Kaffee eingeladen…

Und ich sag noch: Ruf die Leute an… aber NEIN…

Nicht wir…

Eltern sind zuweilen putzig. Besonders die, die, weil schon in Rente, über zu viel Freizeit verfügen. Wenn dann auch noch Radio- und Fernsehkonsum auf geographische Unkenntnis trifft, kann der Spaß losgehen.

Wird irgendwo in Süddeutschland eine Katze überfahren, können Sie sich sicher sein, dass schwer besorgte Eltern anrufen und fragen werden, ob das unsere Katze war. Fegt ein Wirbelsturm übers Land, wird einen halben Tag später (wenn das Unwetter in den Nachrichten angekommen ist) angefragt, ob man schon mal Spendengelder für den Wiederaufbau des Hauses sammeln soll. Und letztens, als es hieß, im Dorf 300km weiter südlich seien alle Häuser abgedeckt worden und die Keller vollgelaufen – wer hat da besorgt nach dem Wohlbefinden gefragt?

Richtig!

Wir haben uns für diesen Zweck mittlerweile einen Standardsatz zugelegt: „Das war nicht hier, das war ganz woanders. Bayern ist ganz doll groß!“ Aber glauben will man uns deshalb noch lange nicht. Passendes Gegenargument: „Im Radio haben sie aber gesagt…“ oder „Im Fernsehen habe ich aber gesehen…“

Irgendwann in ferner Vergangenheit muss wohl auch mal ein Baum auf einen SMART gefallen sein. Irgendwo in Deutschland. Wir konnten die erschrockenen Anrufer beruhigen: Die von Daimler haben wohl noch ein zweites Auto von der Sorte verkauft…

Nicht deins…

Ne, Mäuschen, mein Herr Müller ist nicht der, den du sprechen willst. Ja, da bin ich mir ganz sicher. Doch, doch, das weiß ich genau. Ist mir schon klar, dass du die Nummer aus dem Telefonbuch hast, aber wenn du mal aufs Cover schaust, dann wirst du feststellen, dass du ein Vor-vor-vor-vorsaison-Exemplar benutzt hast. Im neuen Buch steht die Nummer schon gar nicht mehr drin. Weil nämlich ständig Leute anrufen, die Herr Müller nicht kennt, die aber meinen, ihn zu kennen.

Ist mir egal, dass der Chor heute ausfällt. Und, nein, ich weiß nicht, wie man Frau Heine erreichen kann. Ich kenne sie nämlich nicht. Nein, auch Herr Müller nicht. Du hast nämlich die falsche Nummer. Ich kann nichts dafür, dass Herr Müller einen Allerweltsnamen hat. Die richtige Nummer von dem anderen Herrn Müller kenne ich auch nicht. Aber wenn du ihn erreichst, richte ihm doch einen schönen Gruß aus.

Ja, ich habe gehört, dass der Chor ausfällt. Das ist mir aber egal. Weil ich es nicht so mit Singen habe, weißt du. Mag ja sein, dass es da immer sehr schön ist. Aber wir wohnen nicht einmal in der gleichen Stadt, unabhängig davon, was im Telefonbuch steht. Das ist ein altes Buch, ein uraltes Telefonbuch, das du besser wegschmeißt.

Jetzt muss ich aber Schluss ma… Was? Nein, du kannst meinen Herrn Müller nicht sprechen. Es ist wirklich der falsche. Das kannst du mir glauben. Er ist nicht im Verein „Singende Landwirtschaft“, Frau Heine ist nicht seine Nachbarin, er hat keine Putzfrau (es sei denn, du meinst mich) und wir werden uns sicher nicht um die Nummer den anderen Herrn Müller bemühen, nur damit wir in Zukunft bei Anrufen dieser Art Auskunft geben können.

Ja, mir tut es auch leid für dieses Gespräch. Dir auch einen schönen Tag. Und viel Spaß beim, Chor… ach ne, der fällt ja heute aus…