Beschwert Euch…

MalteWeldingMit dem Kinderkriegen scheint es hier im Land ein Problem zu sein. Kinder kommen später zur Welt, weil ihre Eltern auf den richtigen Zeitpunkt warten, weil kein Geld da ist, weil Hobbies und Freizeit keine Kinder zulassen, der Job immer ein bisschen wichtiger ist, weil es schlicht keine Möglichkeiten der Betreuung gibt, weil Kinder ihre Eltern bis zur Volljährigkeit 4 Millionen Euro kosten. Weil, weil, weil…

Gründe gegen Kinder gibt es viele. Wie sieht es aber mit den Gründen für Kinder aus? Sind wir alle Egoisten und Karrierepfleger? Ist die Familie als Solche auf dem Abstieg? Zwingen uns die Umstände zur Kinderlosigkeit? Tickt die innere Uhr überhaupt noch oder hören wir sie bloß nicht mehr in dem Chaos aus Verpflichtungen?

Mit diesem Dilemma unserer Generation beschäftigt sich Malte Weldings Buch „Seid fruchtbar und beschwert Euch!“

Es beschäftigt sich mit der Frage, was uns davon abhält, Kinder in die Welt zu setzen – ob es die Umstände sind, fehlende Anreize von außen oder ob uns tatsächlich Steine in den Weg gelegt werden, die letzten Endes Kinder verhindern. Stets humorvoll kommentiert lässt Malte Welding dabei Politiker zu Wort kommen, Blogger, Soziologen und Kirchenvertreter und Menschen wie dich und mich.

Das Buch beschäftigt sich auch mit der Frage des Bildes der Mutter an sich – heute und damals. Beschaut die Saltos, die die Politik schlägt, um uns zum Kinderkriegen zu animieren sollen und lässt auch die Frage nicht aus, ob letztlich alles an den Müttern hängen bleiben muss und wo die Väter sind in all dem Fortpflanzungstheater. Nicht zuletzt wird das Bild der Familie an sich beleuchtet und kritisch hinterfragt.

Auch den Blick über die Grenzen hinweg wagt Malte Welding – nach Skandinavien zum Beispiel, wo vieles besser und vor allem – ganz wie von allein klappt. Da gibts nämlich nicht nur mehr Kinder, da gibts auch Betreuungsmöglichkeiten, weniger schlechtes Gewissen und die Selbstverständlichkeit von zwei arbeitenden Eltern.

Aber betrifft uns das jetzt überhaupt? Herr Müller und ich habe schließlich mit 2 Kindern überdurchschnittliche viel Nachwuchs! Wir kriegen sowohl Job als auch Erziehung auf die Reihe und haben auch sonst wenig Gründe zum Meckern.

Nichtsdestotrotz sind auch wir Teil des Nachwuchsdebakels unserer Generation:

Als unsere Eltern bereits Kinder hatten, studierten wir beide noch. Dann ging der Job los – und da gleich wieder aussteigen? Überhaupt muss man ja auch erst einmal den Richtigen treffen, mit dem man Nachwuchs haben will. Und die nötige eigene persönliche Reife entwickeln. Aber das nur am Rande… Dann traf ich Herrn Müller und beide waren wir erst einmal einige Jahre gemütlich verheiratet, bevor wir überhaupt über eine Schar Kinder nachdachten.

Überhaupt: Schar Kinder… in meiner Kindheit gab es Familien, die hatten 3, 4, 5 Kinder. Ich selbst bin das mittlere von 3 Kindern. Heute ist unter unseren Freunden selbst die Zahl der Leute, die überhaupt ein Kind haben gering. Tatsächlich haben wir mehr kinderlose Freunde als solche mit Nachwuchs. Wir kennen auch mehr Singles als Paare. Bei einigen stimmt es tatsächlich, das Bild von der gewollten Kinderlosigkeit. Andere aber haben das Gefühl, etwas zu verpassen. Sie wollen Kinder, irgendwann… und warten auf einen richtigen Zeitpunkt, der vermutlich nie kommen wird.

Noch dazu waren wir alle – das unterscheidet uns von unseren Eltern, bereits 30 oder älter, als wir mit der Fortpflanzung loslegten. Die Väter waren sogar im Schnitt schon 40. Wir fangen heutzutage also nicht nur später an mit dem Kinderkriegen, wir bekommen auch weniger Nachwuchs als die Generation unserer Eltern.

Dann der Unterschied zwischen Ost und West – ich Ost- damals noch DDR-Kind, ging wie selbstverständlich in Krippe und Kindergarten. Nicht unbedingt deshalb, weil sich meine Eltern lieber ihren Karrieren gewidmet haben als vielmehr aus dem Grund, dass zwei Einkommen zum Leben unabdingbar waren. Und dass das klassische Bild der Hausfrau in der DDR ohnehin früh abgeschafft worden ist.
Drüben, auf der anderen Seite des Landes, blieb Mama beim Sohn daheim. Und blieb dort mehrere Jahre. Die Hausfrau hatte (und hat bis heute) im Westen mehr „Anstand“. Wer Kinder bekommt, bleibt daheim. Kinderkrippen sind einem Kleinkind nicht zumutbar. Auch ich als Mutter musste mich mit dieser Frage auseinandersetzen (lassen) und mich dafür rechtfertigen, warum ich nicht nur wieder arbeiten gehen wollte – sondern vor allem, warum so schnell. Das schlechte Gewissen wird einem eingeredet… immer noch und trotz aller Alltagsrealität.

Dass ich dennoch gleich nach der Geburt meiner beiden Kinder wieder arbeiten gehen konnte, war ein großer Glücksfall. Ich hatte meine Kinder nämlich immer dabei und war damit vielleicht ein bisschen die vom Autor beschriebene Bayaka-Frau, die im Kongo mit Kind auf dem Rücken Antilopen jagt. Dass hierzulande nicht jede Frau zur urbanen Kriegerin werden kann, ist klar. Einem flexiblen Arbeitgeber habe ich es jedoch zu verdanken, dass der Wiedereinstieg in den Beruf wie selbstverständlich klappte und dass ich auch mit Kind ganz selbstverständlich am Arbeitsleben teilnehmen konnte. Mit ein wenig Geschmeidigkeit von allen Seiten kann es eben manchmal auch leicht sein.

Lesen Sie sich rein, schmunzeln Sie, erleben Sie Ihre eigenen Aha-Momente und lassen Sie sich ganz nebenbei zeigen, dass Familie ein ganz großes lohnenswertes Ding ist!

 

Malte Welding „Seid fruchtbar und beschwert euch!“

erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

 

 

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9 Kommentare zu “Beschwert Euch…

  1. franhunne4u sagt:

    Seid furchtbar und beschwert Euch??
    „was uns davon abhält, Kinder in die Welt zu setzen “
    Warum sollte ich Kinder bekommen? Nicht, was mich davon abhält, sondern was mich dazu motiviert, sollte Thema sein. Positiv betrachten.
    Und ich habe keinen Grund gefunden, warum ich Mutter werden sollte.
    Man darf auch anders leben. Das gilt für die Müllers und das gilt für mich. Die Müllers dürfen ihre Familie leben und lieben und ich lese gern die kleinen Geschichten. Ich darf meine Katzen lieben und mein Alleinsein zelebrieren und lasse die Welt, so sie interessiert ist, an meinem Single-Leben in Hannover teilnehmen. Beides ist richtig – das eine für die Müllers das andere für mich. Die Welt ist bunt und hat Platz für alle Modelle.

    • Frau Müller sagt:

      Das ist selbstverständlich klar und so in Ordnung. ☺️
      Das Buch richtet sich auch eher an die, die Kinder wollen, aber immer vor sich herschieben – aus welchem Grund auch immer.

  2. Sofasophia sagt:

    Was für ein genialer Text!
    Danke, den reich ich weiter in Twitterium.

  3. Inch sagt:

    Ich glaube, insgesamt betrachtet, wird zu viel Theater um das Kinder kriegen gemacht. Um das mal zusammen zu fassen. Und scheint mir alles in allem und in jedem Einzelfall eine hervorragende Ausrede für äh Egoismus zu sein. Obwohl natürlich auch das Kinder kriegen aus reinem Egoismus heraus geschieht. Vielleicht ist das alles auch eine Folge des so hoch bewerteten Individualismus?

  4. streepie sagt:

    Wie dem auch sei – hier in Frankreich bin ich mit einem Kind in der Minderzahl, die meisten Familien im Umkreis haben 2 oder 3 Kinder.

    Ich schiebe es immer auf das bessere Kinderbetreuungsangebot westlich der Grenze 😉

  5. Taschentick Vol. 1 sagt:

    Ich danke Ihnen!
    Selbst schiebe ich die Familiengründung auch noch vor mir her ;-).
    Viele Grüße

  6. Ich gehöre zu einer Generation, die immer alles hatte, inklusive einem Batzen weiterer Möglichkeiten. Reisen steht ganz oben auf der Liste, was erleben, Projekte entwickeln und diese, inklusive sich selbst, verwirklichen. Für Kinder ist und bleibt da, vor allem aufgrund der langen Ausbildungszeit, vor dem 30. Lebensjahr kaum Spielraum.
    Trotz all dieser Wege und Chance habe ich mir doch oft die Frage nach dem wirklichen, tatsächlichen Sinn des Lebens gestellt.
    Seit der Geburt meiner Tochter tue ich das nicht mehr. Erstens bleibt in den ersten Monaten dafür keine Zeit. Zweitens stellt sich, auch wenn man wieder mehr Zeit für sich hat, diese Frage einfach nicht mehr.
    Denke jeder sollte das mit dem Kinderkiegen halten wie er möchte und möglichst nicht kritisiert werden, was aber leider sowieso passiert. Ich denke nur, dass es schon einen Grund gibt, warum die Natur es so eingerichtet hat, dass bei Frauen mit 40 Schluss ist.
    Werde mir das Buch mal anschauen! Danke für den Hinweis!

  7. Frau Tonari sagt:

    Ich glaube, ich werde das Buch demnächst mal verschenken. Danke für den Lesetipp.

  8. Tobi sagt:

    Von dem Buch habe ich erst vor kurzem erfahren und es steht inzwischen auf meiner Wunschliste. Ich befinde mich in genau der Situation, dass immer mehr Freunde und Bekannte die ersten Kinder bekommen und ich auch noch unschlüssig bin, ob ich überhaupt welche möchte. Vorrang hat für mich ohnehin zunächst der Studienabschluss und ob ich dann das Gefühl habe, etwas zu verpassen, wenn ich kinderlos bleibe, muss ich sehen. Auffällig ist aber tatsächlich, dass es noch vor zwanzig Jahren, als ich klein war, weitaus mehr Familen mit bis zu fünf Kindern gab. Ich kann mich auch noch gut an einige dieser Großfamilien in unserer Wohngegend erinnern und die Straßen waren immer voll mit spielenden Kindern. Junge Familien mit fünf Kindern sind mir dagegen heutzutage gar nicht bekannt.

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