Heike…

„Heike!“ plärrt es durch den Supermarkt. „Heike, warte doch mal!“

Manche Leute haben echt kein Gespür für Anstand, denke ich und schiebe mein Wägelchen weiter. Herr Müller ist gerade bei den Wurstwaren verschwunden und ich muss dringend noch Müsli…

„Heike! Mensch!“ Eine Frau stellt sich mir in den Weg. Ich will dezent links vorbei, aber die menschliche Barriere macht flink noch einen Schritt auf mich zu. Dann greift sie nach mir. „Wir haben uns aber lange nicht… Mensch Heike! Kennste mich noch? Renate! Du bist so dünn!“ Ich blicke verwirrt hinter mich, aber da steht keine Heike. Deshalb suche ich Augenkontakt mit der lauten Person vor mir. „Sie verwechseln…“ beginne ich, aber der Satz hat schon zu umständlich begonnen.

„Wo ist denn der Thomas?“ will Renate wissen und schaut suchend in die Runde. Den Thomas habe ich vor hundert Jahren zugunsten von Herrn Müller verlassen. Aber das kann die da nicht wissen. Wir kennen uns nämlich nicht. Ich bin offensichtlich das Opfer einer Verwechslung. Oder Kandidat bei „Versteckte Kamera“. Nichtsdestotrotz bin ich kurz verwirrt, wie das oft der Fall ist, wenn Fremde mit scheinbaren Interna aus dem eigenen Leben auftrumpfen.

„Meeeensch,“ sagt Renate wieder, meine Irritation ausnutzend. „Wohnst du noch bei der Vogelbrücke? Da wird ja jetzt gebaut wie bekloppt, da ist es bestimmt immer sehr laut. Wir müssen unbedingt mal eine Kaffee zusammen trinken.“

„Ich bin nicht….“ versuche ich nochmal, aber meine neue Freundin lässt sich nicht unterbrechen. „Haste nochmal ´n Kind gekriegt!“ freut sie sich. „Ist dem Thomas wie aus dem Gesicht geschnitten.“ (Dass mir das bloß keiner Herrn Müller erzählt.) „Ist das nicht schwer mit drei Kindern? Und der Thomas? Immer noch bei Siemens?“

Herr Müller biegt mit einem mittelgroßen Wurstpaket um die Ecke und stellt sich neben mich. Die Frau schaut umständlich an ihm hoch. Dann wandern ihre Blicke zu mir. „Mein Mann,“ stelle ich vor. Herr Müller gibt brav die Hand. „Wir müssen dann auch…“ beeile ich mich. „War schön, dich mal wieder…“ Dann schiebe ich eilig meinen Wagen beiseite und nehme Fahrt auf.

„Wer war denn das?“ will Herr Müller wissen.

Ich zucke die Schultern. „Na die Renate!“ sage ich. „Kennste nich?“

Er schüttelt den Kopf.

„Dann geht´s dir wie mir…“

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7 Kommentare zu “Heike…

  1. Stef sagt:

    Schon fast Loriotesk. 🙂

  2. Maia Schwan sagt:

    😀
    Das muss ich mir merken, Frau Müller. Wirklich eine effektive Art, die Vergangenheit aus dem Gedächtnis zu streichen. Sehr schön!
    Wie könne sie denn nur die Renate vergessen? Mensch die …. wer noch mal? Und wie können sie es wagen, sich von Thomas zu trennen oder aus ihrer alten Wohnung zu ziehen? 😉 Wie sollen denn die Renates dieser Welt damit klar kommen.
    Und nun erklären sie mal Herrn Müller, warum der frische Nachwuchs dem Thomas wie aus dem Gesicht geschnitten ist *fies grins*
    Wer war nochmal dings…äh…Renate?

  3. Machen wir uns nichts vor; hätte Renate Sie tatsächlich mal einen Satz vollenden lassen, wäre die Konversation wie folgt weitergegangen:

    „Nein, ich bin nicht die Heike, ich bin die Betty!“

    „Das ist ja n Ding, deinen Namen haste also auch geändert. Aber mir macht man nichts vor, ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter …“

    Einfach wegatmen, das Ganze.

  4. chasty sagt:

    Hat was^^ Immerhin besser als die Leuet die eine wirklich kenn und man selbst aber garnimma zuordnen kann. 😉

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