Tagung…

Gehen Sie mal mit einem winzigen Kindlein auf eine Tagung und seien Sie dort die einzige Frau. Keiner wird sich neben Sie setzen wollen, denn der Schock, den so ein Baby bei einem Geschäftsmann auslöst, ist beachtlich. Außerdem gucken Sie alle an, als hätten Sie die falsche Abzweigung genommen. Nein, der Hebammenkurs findet hier nicht statt und auch die Stillgruppe nicht.

Setzen Sie sich am besten irgendwo in die Mitte, deponieren die Babyschale neben sich und packen Ihre Unterlagen aus. Dann sagen Sie laut und vernehmlich: „Wenn Sie, junger Mann, sich jetzt hinsetzen wollen, können wir auch anfangen.“ Spätestens zu diesem Zeitpunkt sprengt sich auch der Liebe-Mami-Bonus in die Luft, den Sie vielleicht ein paar Sekunden lang innehatten. Jetzt sind Sie nur noch eine Karrierehenne. Eine dieser Akademikerinnen ohne Kind, die aus Versehen doch ein Kind hat, das aber nicht wahrhaben will…

Seit Mittwoch bin ich ja wieder ein arbeitendes Mitglied der Gesellschaft. Und prompt stand auch gleich so ein Weiterbildungsdingens auf der Tagesordnung. Da ich dem kleinen Müller zum jetzigen Zeitpunkt keine Dose aufmachen und ihn vor den Fernseher setzen kann, war er natürlich mit von der Partie. Außerdem ließ sich auf diese Weise auch gleich testen, wie kinderfreundlich Tagungshotels sind. Sollte sich bei Ihnen übrigens gerade die Illusion eines gemütlichen Ausflugs mit perfekter Betreuung formen, so kann ich Ihnen den Zahn gleich ziehen.

Wickelraum? Gibt es nicht. Es steht auch sonst kein Raum zur Verfügung, wo ich das Kind eventuell wickeln könnte. Nach einigem Hin und Her und der Drohung, das Baby direkt im Konferenzsaal zu stillen, bekomme ich eine Saunakarte. Sauna und Fitnessraum sind nämlich gerade nicht gebucht, weshalb ich mich dorthin zurückziehen kann, wenn Windeln voll oder Babymägen leer sind.

Die Veranstaltung an sich läuft wie gewohnt ab:

Der Typ ganz hinten bekommt die Fernbedienung für die Klimaanlage und tut während der folgenden sechs Stunden sein Bestes, um jeden von uns mit einer Lungenentzündung nach Hause zu schicken.

Wir zählen die Rechtschreibfehler auf der PowerPoint-Präsentation. Wer die meisten findet, darf den Vortragenden dezent auf seine Legasthenie hinweisen.

Bonbon- und Gummibärtüten machen die Runde. Für den Rest der Tagung ist immer mal wieder leises Knistern von vorsichtig ausgepackten Nimm2 zu hören.

Die Langsamscheißer aus der Herrenabteilung stellen fest, dass im Klo nach 10 Minuten automatisch das Licht ausgeht.

Nach 13Uhr gibt es weder Kaffee noch Kekse, weshalb wir gezwungen sind, vom Buffet der Nachbarn zu klauen, während diese noch in ihrer Schulung sitzen. Mit dem Prinzip des Tagungsmundraubs sind alle Teilnehmer vertraut, weshalb die Sache routiniert und ohne große Aufregung über die Bühne geht. Leidiglich einige Neulinge kichern amüsiert und verstecken ihr Fingerfood in Servietten.

In der Mittagspause unterhält man sich stilvoll über schwierige Literatur. Während einer Diskussion über Samuel Beckett trumpft Frau Müller mit Wissen über Estragon und Wladimir auf und täuscht geschickt Kompetenz vor, indem sie bedeutungsschwanger Ein Blatt fällt vom Baum sagt, ohne das Werk Becketts überhaupt zu kennen.

Am Schluss werden Visitenkarten ausgetauscht und man versichert einander, wie ungemein klug man doch jetzt aus dieser Tagung herausgeht und dass man viel gelernt hat. Dann leert man den Memoryspeicher im Gehirn und geht wieder zum Tagesgeschäft über.

Frau Müller darf sich noch Komplimente über das „brave Kind“ anhören, das die ganze Zeit geschlafen hat und versucht sich als Scherzbold mit dem Satz: „Na, es war ja auch stinklangweilig, ich bin auch ständig eingenickt!“

Dann geht man nach Hause, macht ein Häkchen auf seiner inneren To-do-Liste und weiß: Das braucht man so schnell auch nicht wieder.

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8 Kommentare zu “Tagung…

  1. Lilly sagt:

    Na guck an: kein Wickelraum, aber Wellnessbereich! *tsss* Sie können sich aber glücklich schätzen. Wir sind einmal aus einem Eiscafè geflogen, weil eine Freundin dort ihr Baby stillte. Mit dem Rücken zu den anderen Gästen, in einer Ecke sitzend, mit mir als Schild. Der Kellner sah es und bemerkte: „Sowas geht hier nicht, sie müssen gehen! Kinderwagen dürfen hier auch nicht stehen!“ Dann doch lieber Saunakarte! 😉

  2. holldrio sagt:

    Sie fangen aber früh an den Lütten ins Berufsleben einzuführen Frau Müller… 🙂
    Gestern noch Angst vor den Zähnchen gehabt, heut ab zur Tagung mit dem Wicht.
    Respekt. 😉

  3. Alice sagt:

    Bis auf das Kind klingt es nach einem mir sehr vertrauten Tagungsablauf 😉

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