Helicopter…

Gestern habe ich einen schönen Artikel gelesen über sogenannte „Helicopter-Parents“. Den Begriff kennen Sie möglicherweise nicht. Aber das Phänomen ist Ihnen sicher schon einmal begegnet. Lesen Sie einmal den verlinkten Artikel.

Ich für meinen Teil grüble nun ernsthaft darüber, ob ich auch so eine helikopternde Mutter bin. Bin ich die Übereifrige, die mitten drin sitzt im Sandkasten, statt sich mit einem Buch an den Rand des Spielplatzes zu verziehen und das Kind einfach mal Kind sein zu lassen? Habe ich Bastelnachmittage in petto, wenn meine Brut Kindergartenfreunde mit nach Hause bringt? Und stürme ich etwa auch das Spielfeld, wenn der Nachwuchs Gefahr läuft, das Fußballspiel nicht zu gewinnen?

Ich gebe ehrlich zu: Auch ich habe mit fremden Kindern schon gebastelt. Ich bin auf Rutschen hinterhergeklettert und habe Sandförmchen geschmissen. Aber alles nur in guter Absicht. Ich schwör´s Ihnen! Jetzt lese ich, dass die gute Absicht für den Arsch ist, weil ich meine Brut in seiner Entwicklung hemme. Ich habe also die Wahl, das heulende Blag im Sandkasten sitzenzulassen und darauf zu hoffen, dass es sich endlich einmal durchsetzen möge oder ich schnappe mir den pöbelnden Bengel mit der Schaufel da und sondere einen infernalischen Brüller ab. Dann prügle ich mich mit der sofort herbeieilenden Bengelmutter und lasse mich am Abend von meinem Gatten aus dem Polizeigewahrsam abholen. Das Kind hat derweil tolle Sachen bei den Beamten gelernt und weiß jetzt, wie eine Verhaftung funktioniert und was „polizeiliche Intervention“ bedeutet.

Zumindest bin ich nicht wie Thorben-Hendricks Mama, die ihre Brut nicht einmal allein aufs Klo lässt. Der Bub könnte sich ja aus Versehen runterspülen. Und ich halte auch nicht Saskia-Valentinas Butterbrot fest, während das Kind abbeißt. Oder mache Lahra-Luna ständig alle Knöpfe an der Jacke zu, damit es ja nicht reinzieht. Andererseits gebe ich zu bedenken, dass meine Brut noch keine vier Jahre alt ist und ein bisschen Umkreisung vielleicht nicht schaden kann.

Es ist halt so, wie überall im Leben: Wie man´s macht, macht man´s falsch…

Ach ich weiß auch nicht…

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8 Kommentare zu “Helicopter…

  1. menzeline sagt:

    Liebe Frau Müller, dass war doch schon immer so, egal welche Generation es war. Wir Mütter wollen nur das Beste für unser Kind. Also machen wir auch Fehler.

    Natürlich können sich die Kinder heute wohl nicht mehr so frei bewegen, wie wir zur damaligen Zeit. Ich kann mich erinnern, dass wir fast immer draußen im Freien waren, ohne Aufsicht von unseren Eltern. Es gab kein Fernsehen, keine Computer und vor allem keine Handys, womit die Mütter heute ihre Kinder zum Teil überwachen.

    Und man muss auch nicht immer alles glauben, was in den Medien so steht. Machen Sie das mal so, wie Sie es für Richtig halten und lassen Sie sich nicht beirren.

    Nette Grüße
    menzeline

  2. Inch sagt:

    Wunderbarer Artikel! Und er spricht mir aus der Seele.
    Ich saß nämlich auch mit’m Buch auf der Bank, möglichst weit weg vom Sandkasten. Ich hatte genug Vertrauen in meine Mutterinstinkte, dass ich genau höre, wann das Geschrei der Töchter Gefahr, echte Gefahr bedeutet und ich eingreifen muss. Das meiste kriegen die aber selber geregelt. Damals, muss ich sagen, saßen aber auch wirklich noch keine anderen Mütter mit im Sandkasten, oder Väter. Und mein Instinkt hat mich nie verlassen.
    Ob ein Auto weh tut, wenn man mal über die Straße läuft und eins rammt, habe ich sie trotzdem nicht ausprobieren lassen. 😉
    Und das mit dem Ostereiersuchen. Das ist leider auch hier Realität.
    Seit Generationen gab es das Ostereiersuchen hier im Zoo und im Johannapark.
    Das wurde in den letzten Jahren immer schlimmer, nämlich genau wie oben beschrieben. Als dann die Eltern schon nach den Osternestern schnappten, wenn sie im LKW angeliefert wurden, wurde zuerst das Ostereiersuchen im Johannapark abgeschafft.
    Im Zoo müht man sich noch:
    Abgesperrter Bereich. Zutritt für Eltern verboten. Jedes Kind darf nur ein Osternest mitnehmen.
    Traurig.

  3. Kleiner Tipp von einem, der seine Brut noch in sich trägt:

    Nich so viele Elternsachen lesen! Im Zweifelsfall das tun, was einem das Herz oder ein anderes Organ rät. Irgendwann gibt es irgendwo sowieso irgendjemanden, der einem klarmacht, dass das alles falsch war.

    Und um Bedenken, Frust, Freud und Leid loszuwerden, gibt es doch dieses wunderbare bloggen …

  4. Anja sagt:

    Eine Ballettlehrerin hat mir folgendes gestern erzaehlt: Sie unterrichtet eine Klasse voller 7jaehriger. Sie benutzt dabei manchmal eine Trommel, um die Kinder wieder in die Spur zu bekommen (7jaehrige explodieren ja manchmal vor Energie und das geht nicht gut mit Konzentration zusammen). Da reisst eine Mutter mitten in der Stunde die Tuer zum Ballettsaal auf und ruft aufgebracht: „Ist das Ballett??“ Die Lehrerin war fassungslos – sie unterrichtet immerhin seit 25 Jahren. Sie hat dann doch noch eine schlagfertige Anwort parat gehabt, war aber ein paar Tage spaeter immer noch so aufgebracht von der Respektlosigkeit der Mutter, die meinte, ihre Tochter erhaelt keine optimale Foerderung fuer ihr Geld.

    Das traurige ist, dass Kinder solcher Eltern kaum noch was mit ihnen zusammen machen. Es wird alles „outgesourced“ und der Fortschritt der Kinder dann streng ueberwacht. Welches Kind lernt denn heute noch von seinen Eltern schwimmen? (Simples Schwimmenlernen, kein Schwimmabzeichen oder so). Selbst das 1×1 wird in den KUMON-Paukschulen eingebimst – jedenfalls hier in den USA. Kinder treffen sich nicht mehr zu Hause zum Spielen, sondern bei organisierten Freizeitaktivitaeten, beispielsweise bei den Boys-/Girlscouts oder eben beim Sport, wo die Eltern dann stundenlang vor der Tuere hocken, den Laptop auf dem Schoss. Ueberall wird fuer solche Eltern, die eben mal fuer 10 Minuten ihre Arbeit unterbrechen, um das Kind von A nach B zu fahren, freier Internetzugang gewaehrleistet. Schoene neue Welt.

    Ich habe das auch so wie Inch gehalten: Schoen mit nem Buch weit weg gesessen. Und war sehr froh, als die Brut dann alt genug war, um alleine auf den Spielplatz zu gehen…

    Leider habe ich hier in den USA auch wieder damit anfangen muessen, Sachen zu organisieren. Viele Kinder koennen sich einfach nicht alleine beschaeftigen. Wenn man ihnen WII und Computer verbietet, sind sie hilflos und fangen untereinander an zu staenkern. Da habe ich sogar eine Handvoll 8jaehriger Jungen zum Buegelperlen stecken bekommen. Eigentlich laed man sich ja Gastkinder ein, um selber bei einer Tasse Kaffe entspannen zu koennen und eben nicht die Brut bespielen zu muessen – stattdessen habe ich Perlenuntersetzter gebuegelt…

    • tibia sagt:

      Also mein Kind wird ganz sicher nicht von mir schwimmen lernen, denn ich kann es nicht richtig. und warum? Weil’s mir damals niemand richtig beigebracht hat.

      Ich finde schwimmen lernen jetzt nicht so simpel als dass man das nicht outsourcen könnte. Ich möchte jedenfalls dass das Kind mal besser schwimmen kann als ich.

      • siprecess sagt:

        Bitte nicht so kompliziert. Beim Schwimmenlernen ist zunaechst alles recht, was einen ueber Wasser haelt. Angst vorm Wasser nehmen, reinspringen lassen, Kind auffangen. Zusammen ZEIT mit dem Kind im Wasser/Schwimmbad verbringen. Falls man dabei erkennt, dass man an seine Grenzen stoesst beim Vermitteln der Technik oder dass das Kind eine rechte Wasserratte ist, kann man es ja immer noch zum Schwimmkurs anmelden, wo es dann Rueckenschwimmen, Butterfly und pipapo mit der richtigen Technik erlernt – und natuerlich Schwimmabzeichen etc. Ist klar, dass jemand, der nie schwimmen gelernt hat, das nicht kann. Aber das ist ja nur ein Beispiel. Was ich meine ist, dass die Kinderwelt und die Erwachsenenwelt heute so getrennt ist. Kinder machen kaum noch Erfahrungen mit ihren Eltern zusammen. Eltern haben eine Checkliste von Faehigkeiten, die ihr Kind koennen sollte, und die sie dann abhaken – aber selten mit ihnen zusammen diese (vielleicht auch fuer die Eltern selber neue) Erfahrungen machen…

  5. Wolfram sagt:

    Ein befreundeter Pfarrer erzählte mal, wie vor laaangen Jahren in seine Konfirmandenstunde ein Vater reingeplatzt kam, ohne Gruß einfach loslegte – und er hat ihn wieder rausgeworfen: „Sie klopfen erst mal an, und wenn ich ‚herein‘ gesagt habe, kommen Sie wieder herein und grüßen uns alle. Und danach können Sie freundlich Ihr Anliegen vorbringen.“
    Ich stelle mir leise vor, was das heute geben würde – diesen Mann und seine Brut hätte ich jedenfalls zum letzten Mal gesehen, und riesigen Ärger mit dem Gemeinderat am A…llerwertesten.

    Viel jünger ist die Erfahrung: als die Große in die Schule kam, haben wir mit ihr einen Schulweg ausgemacht, der sicher war: nur Überwege mit Mittelinsel, keine Wege ohne Bürgersteig. Manchmal hat sie ne Stunde gebraucht, um heimzukommen, ich hätte 10 Minuten benötigt… aber sie hat Eichhörnchen beobachtet.
    Und die Elsässer Verwandtschaft hat getobt, wie verantwortungslos und gefährlich… ich hätte ihnen fast gesagt, „hört mal, die Mädchenmorde, die sind aber im Elsaß und nicht bei uns!“
    Einen Kilometer können auch Sechsjährige schon gehen, und nur wenn man sie zur Verantwortung führt, können sie Verantwortung lernen.
    Das ist übrigens auch der Grund, warum der Pfarrer so gehandelt hat: die Konfirmanden sollen lernen, sich gesittet und respektvoll zu benehmen, und da ist es unzumutbar, wenn ein Vater genau das Gegenteil von Respekt vorzeigt.

  6. anneherz sagt:

    Frau Müller, Sie haben vollkommen Recht! Ich glaube das Problem bei Helikopter-Eltern ist nicht die prinzipielle Bereitschaft die Kämpfe der eigenen Kinder auszufechten, dann wären wir nämlich alle welche, sondern die permanente und zwanghafte Einmischung, egal ob sie nötig ist oder nicht. Solche Eltern werden nicht selten später zu echten Schwiegermonstern und ihre Kinder zu verhätschelten Muttersöhnchen, die das Wort Verantwortung zwar schon Mal gehört, aber noch nie selbst benutzt haben.

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