Die Bombenleger und wir…

Als wir in unser Häuschen ins Rentnerviertel zogen, war bereits nach kurzer Zeit klar, dass einige Dinge repariert werden mussten. Auf dem Balkon war man akut absturzgefährdet. Die Fenster waren auch nicht das, was sie auf den ersten Blick schienen und auch sonst… wir mussten kompetentes Fachpersonal beauftragen.

Nun haben wir das Glück, dass sich in unserem Freundes- und Bekanntenkreis genau dieses Fachpersonal befindet. Für jeden Schaden am Haus hatten wir einen Handwerker parat. Das nenne ich praktisch. Da Herr Müller aus Rocker- und Frau Müller aus Gothic-Kreisen stammt, bestand das genannte befreundete Fachpersonal zudem mehrheitlich aus zwielichtigem Volk. Und es brachte mehr zwielichtiges Volk in Form von Kollegen mit. Schon der Tag der Besichtigung unseres Häuschen glich einem Metal-Open-Air. Nachbarn beäugten uns unsicher, denn damals war noch unklar, ob wir harmlos waren oder nicht. Auch ein generell für Beruhigung sorgendes Kind hatten wir damals noch nicht vorzuweisen. Und so wurde erst einmal vom Schlimmsten ausgegangen. Vom Allerschlimmsten.

„Sie kennen ja Leute!“ flüsterte Oma Erna am nächsten Morgen an der ALDI-Kasse erschrocken.
„Oma Erna, die sind gaaaanz lieb!“ versuchte ich zu beruhigen, aber das muss sie noch ängstlicher gemacht haben.
„Wie die alle aussehen…“
„Erna, das sind alles Familienväter, die tun Ihnen nix!“
„Na, ich weiß ja nich…“ Die Erna blieb misstrauisch. „Die sind noch alle tätowiert!“
(Merken Sie sich das, das ist das ultimative Argument, wenn es darum geht, Leute nach gut und böse zu kategorisieren.)

Auch als die ersten Arbeiten am Balkon anfingen, sorgte das für Unruhe in der Nachbarschaft. Weil die Handwerker das alte Holz nämlich einfach auf die Wiese schmissen. Das war eindeutig zu laut und zu unordentlich. Zumal sich auch niemand an die gemeindlich vorgeschriebene Ruhepause zwischen 12 und 15Uhr hielt. Und dann rauchten die!

„Alles Bombenleger!“ schimpfte unser Gartennachbar. „Langhaarige Bombenleger!“

Erstaunt war man dann aber, dass die Zwielichtigen doch arbeiten konnten. Und am Ende sogar einen schicken neuen Balkon gezimmert hatten. Das passte irgendwie nicht ins Weltbild unserer Rentner. Und scheinbar auch nicht, dass unsere Bombenleger nach getaner Arbeit hinter sich aufräumten.

Eine Weile wurden wir noch misstrauisch beäugt, irgendwann hatte man sich dann an uns gewöhnt. Nur die zwielichtigen Freunde, die blieben irgendwie zwielichtig…

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17 Kommentare zu “Die Bombenleger und wir…

  1. Nadine sagt:

    Wir haben auch viele dieser zwielichtigen Freunde und auch wir wurden mißtrauisch beäugt…mittlerweile haben unsere Spießer-Rentner-Nachbarn allerdings erkannt, dass auch tätowierte, langhaarige Bombenleger eigentlich sehr nette Menschen sein können. Mittlerweile werden unsere Freunde auch gegrüßt, was ja schon beinahe einem Ritterschlag gleich kommt 😉

  2. Da passt es doch wie die Faust aufs … ääh … Balkongeländer, wenn ich an dieser Stelle mal an die wunderbare Filmklamotte „Geschenkt ist noch zu teuer“ (Im Original „The Money Pit“) mit Tom Hanks erinnere.

    Genau die beschriebene Bande taucht da auch auf und obwohl der Film schon dreiundzwölfzig Mal im Primatfernsehen gezeigt wurde, schaue ich ihn mir immer wieder gerne mal an, gnihi …

  3. Flohnmobil sagt:

    Ich weiss nur zu gut, wie es sich unter lauter Rentnern wohnt. Mit gut dreissig zog ich in ein Sechsfamilienhaus, das von lauter Scheintoten bewohnt war. Ein halbes Jahr später wurde mir gekündigt mit den Begründungen: nächtliches Duschen (20.00 h, pah!), Lärm im Treppenhaus (vielleicht hätte ich eine Leiter anstellen sollen, um in den 2. Stock zu gelangen) und abendliche Herrenbesuche.
    Mit dem „Herrenbesuch“ bin ich mittlerweile seit 13 Jahren verheiratet.

    • Frau Müller sagt:

      Also solche Geschichten kann ich auch erzählen. Ich wohnte mal mit meinen Vermietern in einem Haus… Da waren die mitgezählten „Herrenbesuche“ noch das harmloseste…

  4. sweetkoffie sagt:

    einmal Bombenleger, immer Bombenleger … selbst wenn selbiger mit schlohweißem Haar und Rollator dahergewackelt kommt 🙂

    Ja, so sind se, die lieben Nachbarn.
    wobei so hinter mancher gutbürgerlichen Tür gern mal Mäuschen spielen möchte, ich fürchte, da sind die tätowierten bombenleger ziemlich harmlos.
    LG
    Sweetkoffie

  5. sanetes sagt:

    Nächstes Mal erklären sie Oma Erna, was ein gutes Tattoo kostet. 😀

    Sehr süß fand ich mal einen Rockeropa, der dem Enkelchen im rosa Prinzessinenoutfit, beim Konzert der AC/DC Coverband die „Long Live Rock’n’Roll“ Geste beibrachte. Das arme Kind hatte damit echt feinmotorische Probleme.

  6. Anna sagt:

    „Geschenkt ist noch zu teuer“… hach, den Film muss ich mir unbedingt wieder anschauen. Allerdings passen „The Burbs“ (Meine teuflischen Nachbarn) ja auch ganz hervorragend zu diesem Eintrag. :mrgreen:

    Frau Müller, ich hätte soooo gerne so langhaarige Bombenlegerfreunde! *neidischbin* Wir hätten da nämlich auch Renovierungsbedarf. Blöderweise gehen unsere Bekannten zwar vor gestrengen Rentneraugen durch… dafür kriegen sie handwerklich nüscht auf die Reihe. 😕

  7. Inch sagt:

    Als ich hier einzog, hatte ich die selben Probleme. Nur dass zu mir langhaarige Dingsbums kamen. Inzwischen sind die meisten Rentner gestorben und durch Jungvolk ersetzt worden. Die sind lockerer drauf.
    Allerdings bereite ich mich ja selbst schon selig und moralisch drauf vor, Rentner zu werden. Hm

  8. Anna sagt:

    Ich hatte es immer schon vermutet, dass Sie „so eine“ sind…

    😀

  9. Tanni sagt:

    lieber ein Bombenleger der was taugt als 50ig Rentner die nix taugen …. ich verweise dieses Rentnerpack dann auf die Ärzte…“lass redn“ hehe…..
    apropo hätten sie evtl einen Elektriker … hier gibts weit und breit niemanden der unsere Steckdosen reparieren könnte *rumstocher* …

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