Selbstbewusstsein dahin, Teil zwei…

Sie verfügen über ein gesundes Selbstbewusstsein?

Dann gehen Sie mal zum Friseur oder zur Kosmetik: Da wird man Ihnen das schon austreiben!

Heute: Bei der Kosmetikerin.

Frau Müller geht regelmäßig zur Kosmetik. Warum, weiß sie nicht so genau. Es hatte mal mit einem Geschenk begonnen und dann hatte man mir eingeredet, dass ich nun dringend mindestens einmal im Monat eine Vollreinigung der facialen Poren durchführen lassen müsse. Sollte ich das nicht tun, würde ich über kurz oder lang zu etwas mutieren, das aussieht wie das, was wegrennt, wenn man im Wald einen Stein hochhebt…

Die Kosmetikerin hat mich durchaus fest im Griff. Alle 6 Wochen (manchmal auch alle acht) trabe ich beflissen hin zu ihr und lasse mich grundreinigen. Schon wenn ich den Salon betrete begrüßt sie mich, als müsse man mir das Bein amputieren. Dann bekomme ich schnell einen grünen Tee für die Nerven und darf mich noch etwas bei psychedelischer Musik entspannen. Dann muss ich mich nackig machen (merke: Auch für Gesichtsbehandlungen ist man bis zur Gürtellinie unbekleidet. Fragen Sie nicht, warum.) und los gehts.

„Stress, hm?“ will Sandrine wissen.
„Hm.“ mache ich, was alles bedeuten kann, in meinem Fall aber Nein heißt. Sandrine hat Ja verstanden.
„Sieht man.“ sagt sie mitleidig und zählt auf. „Das da ist zu fettig, das zu trocken, da sind Mitesser und die Periode steht wohl auch wieder an, was? Und wir müssen jetzt mal dringend was gegen die Augenringe tun. Ach und an Pickeln drückt man nicht herum, das darf nur ich, verstanden?“
Ich kenne das alles schon und mache noch einmal „Hm.“
Sandrine entfernt in Windeseile mein Make-up und meckert nebenher über den „Supermarktscheiß“, den ich mir da ins Gesicht tue. Da müsse man sich ja nicht wundern, dass ich aussehen, wie ich aussehe.
„Du musst auf Qualität achten, Frau Müller. Sonst kann ich mich hier jedesmal abrackern wie ich will und es wird trotzdem nichts draus.“

Sandrine duzt übrigens beharrlich. Da, wo sie herkommt, siezt man nicht. Wo dieses „da wo“ ist, habe ich allerdings nie in Erfahrung bringen können. Ihrem Akzent nach zu urteilen, meint sie Thüringen.

Dann werde ich zudeckt und zehn Minuten lang bedampft, „damit sich die Poren öffnen“. Während dieser Zeit bin ich allein und Sandrine färbt anderen Kundinnen Wimpern und Augenbrauen. Ich nutze die Zeit, um unvermittelt einzuschlafen. Ich bin da wie ein Papagei: Licht aus heißt Nachtruhe.

„So, Frau Müller,“ ist sie viel zu früh wieder da. „Jetzt wollen wir dich mal saubermachen!“ Ich fühle mich sekundenlang wie ein Kind, das gerade stubenrein wird. Saubermachen?

Und jetzt beginnt der eigentlich doofe Teil. Da setzt sich Sandrine an meinen Scheitel, fährt ein Vergrößerungsglas über mich und beginnt gummibehandschuht und mit allerlei mitleidigem bis erschrockenem Gemurmel an mir herumzudrücken. Manchmal seufzt sie auch oder sagt „Ohgottohgott“. Und wenn es besonders kniffelig wird, ruft sie „Achtung!“ und danach „War´s schlimm?“

Eine halbe Stunde und gefühlte 2 Kilo ausgepressten Talgs später klopft und pocht mein Gesicht wie nach einem Wespenangriff. Sandrine trägt kühlendes Gel auf und verpackt mich noch einmal für fünf Minuten. Dann wischt sie alles ab, was sie in mühevoller Arbeit aufgespachtelt hat und ich bin fertig. Nein, Make-up kann sie da jetzt nicht drauftun. Da ist Sandrine strikt. Erst muss alles abschwellen. Also frühestens übermorgen wieder… Da trifft es sich gut, dass gleich wieder Wochenende ist und ich mit dem Auto direkt vor dem Salon parke.

„War heute besonders schlimm, Frau Müller.“ sagte sie noch und nickt ernst. „Du musst viel mehr Wasser trinken und dich viel weniger aufregen, weißt du? Und öfter vorbeikommen!“

Ganz am Schluss lasse ich noch das obligatorische Verkaufsgespräch über mich ergehen. Nein, ich brauche nichts gegen die Augenringe, die sehen immer so aus. Und das mit der Mischhaut mag zwar richtig sein, rechtfertigt aber keine Creme für 50€. Auch das beruhigende Gesichtswasser und das Make-up mit Camouflage-Effekt lasse ich auf dem Tresen stehen. Eisbeutel würde ich kaufen, aber da lacht Sandrine nur und bemüht den schlimmsten Satz der Branche:

„Wer schön sein will muss leiden!“

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2 Kommentare zu “Selbstbewusstsein dahin, Teil zwei…

  1. Inch sagt:

    Ich gehe übrigesn zu Sandrines Schwester zur Kosmetik

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