Wandern auf Kreta… oder…

ich muss bekloppt gewesen sein.

Herr Müller und ich haben, das ist hundert Jahre her, geheiratet. Gleich danach sind wir flitternderweise nach Griechenland entflogen. Genauer gesagt: Nach Kreta. Da kann man tolle Sachen machen: Am Pool rumliegen, an der Poolbar bei 40° im Schatten den Blutalkohol nach oben treiben, all inclusive essen, einkaufen, Ruinen bestaunen und äh… wandern.

Wer auf Kreta Urlaub macht, sollte unbedingt einmal durch die berühmte Samaria-Schlucht getrabt sein. Und weil auch wir Kreta nicht verlassen haben wollten, ohne die Haxen geschwungen zu haben, haben wir uns für diese Wandertour eingeschrieben. Das macht man im Hotel, man wird mit dem Bus abgeholt und ganz kuschelig über die Insel gefahren. Nach einer habe ich vergessen Zeit hält der klimatisierte Reisebus in der Einöde, alle Fahrgäste steigen aus und der Bus fährt wieder nach Hause. Und da stehen Sie dann. Mit einer Gruppe Mitreisender, einem griechischen Reiseführer und los gehts.

Gleich vorweg: Es geht 17km den Berg runter und durch eine Schlucht, die schließlich am Meer endet. Ein Zurück gibt es nicht, denn der Bus ist weg. Man hat also nur den einen Weg. Und unten gibt es auch keinen weiteren Anschluss ans Festland – es sei denn mit der Fähre. Sie sind der Natur also auf Gedeih und Verderb ausgeliefert…

Unser Reiseführer ließ uns eine halbe Stunde Vorsprung – hatte uns aber bereits nach 40min erst einge- dann überholt. Die Tour läuft er jeden Tag, bindet er allen, die er unterwegs trifft, ans Bein. Das sieht man. Innerhalb von 3 weiteren Minuten ist er am Horizont verschwunden.

Innerhalb von 6 Stunden haben wir die Schlucht übrigens zu durchwandern, dann geht die letzte Fähre. Wer  die nicht kriegt, muss an Ort und Stelle übernachten und auf morgen warten.

Die Natur ist schön bis atemberaubend. Samaria bietet von üppiger Vegetation bis zur schroffen Felswand alles. Auch über Steine können Sie hüpfen, wenn denn die Knie mitmachen. Und auf schmalen Holzstegen reißende Fluten überqueren.

Überall in der Schlucht haben Wanderer Steinmännchen gebaut. Es müssen Hunderte sein. Wir lassen das bleiben, denn wir haben Zeitdruck. Haben wir uns zunächst noch für jung und elastisch gehalten, schwindet dieser Selbsteindruck nach Kilometer 9 bedrohlich. Frau Müllers Knie erinnern sich nämlich an diverse Sportunfälle und senden dem Meniskus Daueralarm. Was auch heißt: Berg runter geht nun nur noch mit extremer Fratze, was eher ungünstig ist, wenn man eine Schlucht hinunterwandert. Herr Müller weigert sich, mich zu tragen und wir wissen genau: Wir müssen in 3 Stunden unten an der Fähre sein.

Nach Kilometer 12 stellt sich langsam Panik ein. Menschenmassen überholen uns und selbst die Großmutter mit dem Gehstock ist schneller als wir. Wir einigen uns auf zähen Fußmarsch, egal, wie doll Frau Müller weint. Bei schlimmem Bergab versuchte ich es zudem hüpfend auf einem Bein, was aber eher für Belustigung sorgt, als dass es der Fortbewegung dient.

An Kilometer 14 können wir zumindest schon das Basislager sehen. Es stellt sich so etwas wie Hoffnung ein. Unsere Lebensmittel und Wasservorräte sind aufgebraucht und das Müllersche Knie ist ein einziges Schlachtfeld. Herr Müller lockt mit Eis am Basislager, aber dem Knie ist das egal. Wir haben noch eine Stunde…

Als Letzte erreichen wir schließlich, sichtlich gezeichnet, den Fährplatz. Man johlt, als man unser ansichtig wird. Schließlich hat man auf uns gewartet. Das finde ich, mit dem Rest, den ich vor der Ohnmacht noch an Gefühl aufbringen kann, richtig nett. Mit der Fähre geht es schließlich zurück zum Busbahnhof, von wo aus man uns zurück in die Hotels karrt. Vor Erschöpfung wird mir auf dem Wasser nicht mal schlecht. Wo ich sonst kotzend über der Reeling hänge, liege ich nun bewusstlos in Herrn Müllers Armen. Das Knie pocht.

Im Buskonvoi geht es schließlich zurück in die Zivilisation. Ich schlafe. Am nächsten Tag bin ich krank. Am übernächsten auch.

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7 Kommentare zu “Wandern auf Kreta… oder…

  1. Doktor Peh sagt:

    Gleich zu Beginn der Ehe hat Herr Müller Ihnen wohl unmissverständlich klargemacht, was nun auf Sie zukommt:
    – es geht ab nun ständig bergab
    – auf den Knien rutschend betteln funktioniert ab nun nicht mehr
    – alle Alternativen wären besser gewesen, aber Sie wollten das ja so!
    – Am Ende lacht man über Sie
    – Den Rest des Lebens verbringen Sie nur noch leidend.

    Sagen Sie nicht, Sie hätten es nicht gewusst!

    • Frau Müller sagt:

      Der Mann im Kleid damals in der Kirche hat zwar was von „In guten wie in schlechten Zeiten“ gesagt. Aber dass die schlechten soooo schnell losgehen würden, konnte ja keiner ahnen…

  2. Inch sagt:

    Ich wette, Sie waren nie wieder wanderen. Jedenfalls nicht mit Herrn Müller…

  3. Claudia sagt:

    Aua, das mit dem Bergab-Knie kenne ich. Was albern aussieht, aber hilft: Rückwärts runtergehen. In unwegsamem Gelände nur mit Begleiter zu empfehlen.
    Ich hoffe, das Knie hat sich in den letzten hundert Jahren erholen können.

    • Frau Müller sagt:

      Mein Meniskus und ich haben uns auf Folgendes geeinigt: Wenn ich ihn nicht ärgere, ärgert er mich auch nicht… Klappt manchmal sogar.
      Ja und Rückwärtsgehen habe ich auch probiert… 😀

  4. […] nicht unbedingt die Bergschuhe, die wir damals auf der Hochzeitsreise gekauft haben, um auf Kreta durch die Samaria-Schlucht zu wandern. Obwohl an den Schuhen so viele schöne Erinnerungen hängen. Und ein paar […]

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