Neue Nachbarn…

Leute, die mich kennen, wissen: Frau Müller ist nicht sehr kontaktfeudig. Ich bin froh über jeden losen Nachbarschaftskontakt, der sich im Laufe der Jahre ergeben hat. Aber die sind auch alle echt hart erarbeitet. Denn wenn es darum geht, neue Leute kennenzulernen, bin ich nicht allzu talentiert.

Nun bekommen wir ja, aufgrund des Ausbaus unseres Rentnerviertels, ständig neue Nachbarn. Und ich stelle immer wieder verwundert fest, wie schnell andere Leute mit ihren Nachbarn ins Gespräch kommen, und vor allen Dingen, wie plötzlich man sich zu Grillabenden und in den Literaturzirkel einläd. In Windeseile nennt man sich beim Vornamen und lässt im Smalltalk am Zaun nebenher Interna aus dem Leben des anderen fallen. Man gründet einen Verein zusammen und ist – haste nicht gesehen – Teil eines großen Miteinanders. Und ich stehe dann daneben und kann mich nur wundern. Ich bin niemand, der Leute am Zaun anfällt und ihnen einen Knopf an die Backe labert. Nur um des Redens Willen fange ich selten ein Gespräch mit Fremden an. Wenn ich keine konkrete Information zu liefern habe – also der Hund nicht auf unseren Rasen geschissen hat oder die Kinder total unerzogen und laut sind – stelle ich mich nicht an den Zaun. Und hier liegt wahrscheinlich mein Problem…

Menschen die dieses, mein zwischenmenschliches, Problem kennen, nehmen mir das nicht weiter krumm. Aber wer neu in unser Rentnervietel kommt und vielleicht sogar in der Nähe einzieht, dem kann Frau Müller unter Umständen schon mal komisch vorkommen. Weil ich eben kein „Sie haben da aber schöne Petunien und kann ich Ihren Hund mal streicheln der Postbote hat was für Sie dagelassen“ absondere. Und Namen merke ich mir auch ganz schlecht. Ich habe auch schon mal Blind- und Taubheit vorgetäuscht, wenn ein Nachbar nach mir rief, weil ich gerade Besseres zu tun hatte als am Zaun ein Schwätzchen zu halten. Vielleicht sollte ich mir für diese zwischenmenschlichen Zwischenfälle mal ein Drehbuch schreiben, an dem ich mich dann entlanghangeln kann… ich nennen es „Smalltalk übers Wetter. oder: Mit dem Nachbarn auf Du und Du.

Gelle und Sie haben gedacht, ich bin ein total weltoffenes plapperiges Mädchen… so kann ein Blog täuschen…

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35 Kommentare zu “Neue Nachbarn…

  1. rotezora sagt:

    Kann ich gut verstehen, ein Blog steht auch nicht zweimal in der Woche vor der Tür und will zum Kaffee eingeladen werden oder erzählt ungefragt Dinge, womöglich noch über Dritte, die man lieber nicht gewusst hätte. Da kann man sich vorstellen, dass man selbst auch ganz schnell Gesprächsgegenstand der Nachbarschaft wird. Hilfsbereitschaft in Notfällen und ansonsten freundliche Distanz finde ich viel angenehmer.

    • Frau Müller sagt:

      Ein Blog quatscht einen auch nicht auf dem Weg zum Müllcontainer am Zaun fest – und zwar eine Stunde lang. Herr Müller und ich haben da einen Deal: Wenn der eine unzumutbar lange am Zaun steht, hat der andere sich aus dem Fenster zu lehnen und „Telefoooon!“ zu schreien.

  2. Doktor Peh sagt:

    Ach, Sie sind auch Sozialautist?

  3. Karin Pösiger sagt:

    Kann ich wunderbar nachvollziehen, ich bin genau so.
    Schöner Blog!

  4. Inch sagt:

    Da sieht man wieder mal: Im Internet kann sich jeder die Identität erschaffen, die er will. Jaja.
    Ich habe ja, abgesehen von meiner Kindheit und einer Phase nach dem Studium, mein Leben in Mietshäusern verbracht. Und die sind mir, je größer, desto lieber. Weil in so kleinen Mietshäusern, also mit 4 Wohnungen, da braucht man Stunden, um in die Wohnung zu kommen (ich wohne gern oben), weil sich einem auf jedem Treppenabsatz ein Nachbar in den Weg stellt und losplappert. Und weiter plappert, auch, wenn ich schon lange nicht mehr antworte.
    Guten Tag und Auf Wiedersehen im Fahrstuhl in meinem jetzt so schönen großen Haus, das muss genügen. Aber am liebsten bin ich allein im Fahrstuhl.

    • Frau Müller sagt:

      Sie wecken da verschüttete (zurecht verschüttete) Erinnerungen… Wir hatten eine Nachbarin, bei der war ich sicher, dass die immer hinter der Tür wartete und durch den Spion nach Opfern fahndete…

  5. theomix sagt:

    Am Gartenzaun des eigenen Blogs ist ja doch ein kleines Schwätzchen drin. es lässt sich eben nicht alles auf das analoge Leben übertragen.
    Ich kann das gut nachvollziehen: Wer mich kennen lernt, kann oft nur mit Mühe das Staunen verbergen, dass ich keine hellblaue Gesichtsfarbe habe…

  6. Bianka sagt:

    Ach, liebe Frau Müller, ich verstehe Sie nur zu gut. In unserem Rentnerviertel hier kennen wir – obwohl wir schon seit November hier wohnen – gerade mal die direkten Nachbarn. mit den anderen hab ich bisher noch kaum ein Wort gewechselt ausser einem gemurmelten „Grüß Gott“. Und selbst mit den direkten Nachbarn komm ich nur schwer in Kontakt…..ich tu mich da wahnsinnig schwer mit diesen Schwätzereien über den Gartenzaun….
    Sie sehen, es ist hier wie da!

    • Frau Müller sagt:

      Das kommt auch immer sehr auf die Tatsache, ob Sie „zug´reist“ sind und wenn ja, in welcher Generation… 😉 Merke, wenn Ihre Enkel volljährig werden, haben Sie sich ein „Grüß Gott „verdient. Vorher nicht.

  7. skizzenblog sagt:

    am besten zum einzug erstma die blogadresse rüberreichen.
    dann weiss jeder schön, wo er dran ist 😉

  8. Ich bin auch eine Art Teilzeitsozialautist, aber genauso oft wie ich meine Zurückhaltung bedaure bin ich in anderen Fällen auch froh darüber.

    Die Tatsache, dass jemand in meiner unmittelbaren Umgebung lebt, qualifiziert diese Person ja auch nicht automatisch als konversationsabel. Und auch die vermeintlich beste Nachbarschaft kann ganz schnell in puren Hass umschwenken, wenn mal der Baum nicht ordentlich zurückgeschnitten wird oder man dem geplanten Anbau des Nachbarn, der den eigenen Balkon vom Sonnenlicht abtrennt, nicht begeistert unterstützt.

    Deswegen würde ich mir keine dünnen grauen Strähnen wachsen lassen … ^^

  9. sanetes sagt:

    In meiner Nachbarschaft herrschte höfliche Distanz, man kannte sich vom Sehen, hat mal für den anderen Post angenommen oder einfache, nachbarschaftliche Angelegenheiten geregelt. Sehr nett.

    Dann zog die Labertasche ein. Seither weiß fast jeder von fast jedem fast alles, schon allein, weil die Labertasche die Leute so laut ausfragt. Inzwischen habe ich mir mein heiliges Eremitendasein soweit zurück erobert, dass ich mich nicht mehr rechtfertigen muss, wenn ich bei schönem Wetter nicht mit am Gartentisch sitze. Aber mir einen Stuhl in eine andere Ecke des Gemeinschaftsgartens stellen, ist aussichtslos. Nach spätestens 3 Minuten muss mich dann nämlich dringend jemand aus meiner Einsamkeit retten.

    Noch ist den Nachbarn verborgen geblieben, dass ich mich glegentlich auf eine verwaiste Bank in einem anderen Gemeinschaftsgarten flüchte. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem das rauskommt.

  10. tibia sagt:

    Ach ja, das kommt mir alles so bekannt vor. Wir wohnen schon seit 10 Jahren in unserem Rentnerviertel und sind auch nie Teil des sich-gegenseitig-zum-Grillen-und-Kaffee-einladens geworden. Und immer, wenn das alljährliche gemeinsame Sommerfest rum ist, weiss ich auch wieder warum. Ich hab so schrecklich wenig mit diesen Leuten gemeinsam.

  11. Frau Spätlese sagt:

    Aber das ist doch kein Problem. Klingt für mich eher wie: nordisch – praktisch – gut! So sind wir halt.
    😉
    LG Frau Spätlese

  12. Wolfram sagt:

    Genau dafür wurde mir neulich vorgeworfen, mir fehle es an „savoir-vivre“.
    Tja, „je suis la mauvaise herbe, braves gens, c’est pas moi qu’on rumine et c’est pas moi qu’on met en gerbe“…
    ich bin das Unkraut, liebe Leute. Mich wiederkäut man nicht, und mich bindet man nicht in Sträuße.
    Ich mein… zuhören kann ich. Stundenlang. Und schweigen wie ein Grab. Ich kann auch reden, man nennt es predigen, und meist dauert es eine Viertelstunde am Stück. Aber am Gartenzaun? Ich kenn von meinen Nachbarn noch nach drei Jahren nicht die Vornamen – außer einem, der heißt Jesus und ist mein Chef. 😀 Der wohnt in einem Haus mit Glockenturm, den muß ich einfach dann und wann besuchen, weil er da so eine schöne Orgel drin hat.

    • Frau Müller sagt:

      Ihr Nachbar: Ist das der Typ, der Sonntags immer so früh die Glocken läutet! 😉

      Jetzt aber ernsthaft: Sie müssten doch von Berufs wegen schon viel leutseeliger sein – weil: Unser Herr Pfarrer, der kommt nicht durchs Dorf, ohne in einer Straße fünfmal festgequatscht zu werden. Neuerdings nimmt er das Rad, da ist der schneller durch und muss nur winken…

  13. Anna sagt:

    Frau Müller… hach… hier fühle ich mich wohl, hier bleib ich. 😛

    Bin auch ein Sozialautist. Irgendwie. Und bei mir isses nicht der Gartenzaun, an dem ich schnell vorbeihusche, sondern das Treppenhaus. Da husche ich ratzfatz durch. Vor allem dann, wenn Nachbarn kommen, mit denen ich … öhm… nicht wirklich was zu tun haben möchte. Was soll’s. Ich grüße freundlich. Das reicht, finde ich.

    Und davon abgesehen: Überlegen Sie doch mal, was das für ein Theater ist, wenn man mit den Nachbarn – sei’s nun im Mietshaus wie bei mir oder so Zaun an Zaun – erst „supidolle“ befreundet ist… und dann kracht’s irgendwie. Das will ich mir ersparen – also erspar ich mir den blöden Smalltalk. Man will sich ja nicht beim Anwalt wiedersehen, nicht wahr? 😎

    Ha, genau genommen bin ich gar kein Sozialautist, sondern unglaublich weise und vorausschauend. So. :mrgreen:

    • Frau Müller sagt:

      Was mich jetzt zur nächsten Frage treibt: Sind alle Sozialautisten Blogschreiber? Wenn ich mir hier so die Antworten durchlese… ^^

      • Anna sagt:

        Fragen Sie doch lieber: Sind Sozialautisten die besseren Blogschreiber? 😎

        Und mal ehrlich: Für gutnachbarschaftliche Kontakte muss man sich doch sehr verbiegen. Man kann der Nachbarin schließlich nicht ins Gesicht sagen, dass ihre Dreckstöle einem schon lange den letzten Nerv raubt und dass der Kuchen aus der Tiefkühltruhe besser schmeckt etc.

        Somit sind Sozialautisten nicht nur die besseren Blogschreiber, sondern durch Vermeidung von magengeschwürförderndem Sozialgeschleime und Einsparung von zu viel Koffein und Fett (beim Nachbarschaftskaffeeklatsch) auch die gesünderen Menschen. 🙂

  14. ichnuwieder sagt:

    ich gestehe, daß ich bei einem eeeeeeeeeeeeextrem gesprächigen, vom hölzchen aufs stöckchen kommenden nachbarn(männlich!!!!- es sind beileibe nicht nur frauen, die viel reden..) irgendwann zu dem erschrockenen ausruf: „huch, ich hab ja was auf dem herd“ gegriffen habe, um zu entkommen….
    irgendwas muss man halt sagen, wenn zuhause niemand ist, der sich aus dem fenster lehnen und „telefooon“ rufen kann…;)

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