Oma…

Es wird emotional schwieriger für uns, die Oma im Altenheim zu besuchen. Sie ist jetzt 95 Jahre alt – ein gesegnetes Alter. Erst seit einem Jahr ist sie im Altenheim, hauptsächlich deshalb, weil ihr Wohnblock damals renoviert wurde und sie sich den ganzen Lärm und Dreck nicht antun wollte. Die Oma hat nun ein kleines Appartment und versorgt sich nach wie vor hauptsächlich selbst. In ihrem hohen Alter ein Segen, dass sie dazu noch in der Lage ist.

Seit einigen Wochen nun baut sie spürbar ab, vor allem körperlich. Man will ihren Arm nehmen, sie führen. Auch das Gehör wird deutlich schlechter. Manchmal muss man die Oma anschreien, damit sie versteht, was man sagt – trotz Hörgerät. Seit Neustem benutzt die sonst so umtriebige und ständig unterwegs seiende Frau zudem einen Rollator. Denn manchmal wird ihr schwindelig und sie verliert kurz die Orientierung. Dann ist es gut, sich festhalten zu können.

Auch Phasen, in denen sie abwesend ist, fallen uns auf. Da wandert beim Gespräch der Blick nach innen und für kurze Augenblicke ist unsere Oma weg. Es tut weh, ihr beim Altern zuzuschauen. Beim letzten Besuch nimmt sie die Hand ihres Enkels und sagt: „Ich bin den ganzen Tag müde. Ich möchte nur schlafen, schlafen…“ Und leise fügt sie hinzu: „Alt sein ist nicht schön…“

Sicher, Oma ist 95 Jahre alt. Sie hat ein gesegnetes Alter erreicht und irgendwann muss man sich mit dem Unvermeindlichen arrangieren. Aber irgendwie ist es doch immer so: Die eigene Familie ist unsterblich…

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7 Kommentare zu “Oma…

  1. theomix sagt:

    Die Familie unsterblich? Nie und nimmer. Nur die Omas, die über 90 sind.
    Mir hat mal ein trauernder Enkel über so eine Oma gesagt: „Wir dachten, die stirbt nie.“
    Na bitte…

  2. derborusse sagt:

    Ja, das ist hart. Ich habe es bei meiner Oma mitgemacht. Mit 89 Jahren musste ich sie vom Küchenhocker in ihrer eigenen Wohnung holen, weil sie Gardinen waschen wollte! Dabei gab es genügend Leute, die ihr das liebend abgenommen hätten.
    Anschließend kam sie auf Veranlassung meines Bruders ins Altenheim, weil sie sich einfach nicht mehr selber versorgen konnte. Sie hat es ihm nie verziehen, aber es war die richtige Entscheidung.
    Mehrfach hat sie mich bei Besuchen gefragt, ob ich ihr nicht „etwas geben könnte“. Auf meine entrüsteste Gegenfrage, ob ich ihr vielleicht ein Kissen ins Gesicht drücken soll, entgegnete sie nur: „Alles ist besser, als hier zu sein.“ Das sind Momente, die einem echt an die Nieren gehen.
    Denn wir wissen ja alle: Omas sterben nie!

    • Frau Müller sagt:

      Ja, ich glaube, die Einsicht, dass viele Dinge ab einem bestimmten Alter einfach nicht mehr gehen, ist schlimm… Gerade, wenn die Oma ihr ganzes Leben lang geackert und geschafft hat. Und plötzlich kann oder „darf“ sie das nicht mehr…

  3. Anna sagt:

    Jetzt hab ich den ganzen Nachmittag gebraucht, um mich wieder zu sammeln…
    Genau das waren oft die Worte meiner Mutter: „Alt werden ist nicht schön.“

    Ja, die eigene Familie ist unsterblich… bis dann das Undenkbare passiert. Das ist mehr als hart! Aber, auch wenn das in keinster Weise ein Trost ist, das ist das Leben…. wir haben ja keine Wahl.

    Liebe Frau Müller, das hat mich wirklich zu Tränen gerührt. Und ich wünsche Ihnen… ja, was eigentlich? … keine Ahnung… vielleicht noch genug dieser wertvollen Zeit miteinander… ?
    LG Anna

    • Frau Müller sagt:

      Danke!
      Und zum Weinen bringen wollte ich eigentlich niemanden, auch nicht vor Rührung.
      Wir genießen alle Zeit, die wir mit ihr haben. Besonders der Schritt „Ins Altersheim“ hat so etwas endgültiges… danach kommt nichts mehr. Das ist schwer…
      LG!

  4. kunstecht sagt:

    Obwohl ich ein total positiv denkender Mensch bin der für Permanentoptimismus eine Dauerkarte hat, denke ich oft über das Thema Alter und Tod nach. Und für mich hat das Wort „lebensmüde“ eigentlich nichts mit Selbstmord zu tun sondern mit dem Alter: Ich kann mir gut vorstellen dass wenn man ein gewisses Alter hat „man des Lebens einfach müde wird“ und auch keine Angst mehr vor dem Tod hat (oder vielleicht nur ein bisschen). Freunde sind meist schon gestorben, die Kinder haben ihr eigenes Leben, Enkel besuchen dich nur mit Erpressung. Ich glaube da ist es doch das schönste einfach einschlafen zu können wenn man müde ist. Gruß von kunstecht

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