Selbstbewusstsein dahin… Teil eins…

Sie verfügen über ein gesundes Selbstbewusstsein?

Dann gehen Sie mal zum Friseur oder zur Kosmetik: Da wird man Ihnen das schon austreiben!

Heute: Beim Friseur.

„Sie haben ganz dünnes Haar!“ stellt die Friseurin schon an der Tür erschrocken fest. „Und Spliss!“ Diese zwei Wörter flüstert sie bereits. Dann führt sie mich in eine dunkle Ecke und setzt mich auf einen Stuhl ganz weit weg vom übrigen Publikum mit den schönen Haaren.

„Eine Kurpackung für die Längen und Spitzen?“ fragt sie leise. Ich lehne ab. „Sollten Sie aber!“ Ich schüttle erneut den Kopf und ernte dafür einen Blick, in dem alles liegt,  was an Verachtung für meine Doofheit transportierbar ist.

Aber eine Wohlfühlkur für die Kopfhau… nein, die will ich auch nicht. Nur schneiden… ich bin eine von der schnellen Sorte. Dies ist meine Mittagspause.

Ich werde also gewaschen, noch mal gewaschen, noch mal. Ich scheine ein Härtefall zu sein, denn höre meine Friseurin seufzen. Dann schiebt man mich wieder zurück an den Spiegelplatz im Dunkeln und Ariadne beginnt mit der Begutachtung: Ganz viel muss ab, meint sie und schaut mich mitleidig an. Ganz viel, mindestens fünf Zentimeter. Ich nicke. Soll mir recht sein. Schlechte Substanz, höre ich immer wieder, gefolgt von traurigem Kopfschütteln. Und oben ist so viel abgebrochen und alles ist ganz dünn und die Kopfhaut… und ach das Haar ist so strapaziert… Ich bereue, dass ich keine „Frau im Spiegel“ mitgenommen habe, als ich noch die Gelegenheit dazu hatte. Dann könnte ich mich jetzt über den neusten Taschentrend belesen und so tun, als wäre Ariadne nicht da. Vielleicht würde sie dann auch weniger reden…

Plappernderweise fällt mein Haupthaar der Schere zum Opfer. Viel fällt da neben den Stuhl. Nebenher bekomme ich ungefragt Ratschläge über die richtige Kopf- und Haarpflege für daheim. Ariadne tut dabei so, als wüsche ich meinen Kopf mit Schrubber und Klärschlamm und wohnte nebenher auf einem Baum im Stadtpark.

Dann ist es vorbei… fast… „Wollen Sie selber föhnen?“ will Ariadne wissen. Bevor ich auch nur auf die Idee kommen kann, dies zu bejahen, schüttelt sie wieder leise mitleidig den Kopf. Machen Sie das nicht, sagt dieses Kopfschütteln. Sie machen es nur schlimmer… Ungefragt türmt sie nun weißen Schaum auf meinen Scheitel und verteilt ihn gleichmäßig auf dem Kopf. Sie knetet und walkt, als hätte sie eigentlich Bäckerin werden wollen, aber mein Haar will einfach nicht aufgehen wie frischer Hefeteig. Auch das Fönergebnis nach einer halben Stunde Pusten und Ziehen ist nicht nach ihrem Geschmack. „Sie haben einfach viel zu dünne Haare.“ säuselt sie. „Wie eine alte Frau.“ Ich nicke ergeben. „Aber ich gebe Ihnen da was mit, das macht die Haare wieder schön.“ Ariadne baut eine Batterie Fläschchen und Tiegel vor mir auf. Alles soll ich nehmen, nickt sie. Damit auch nur der Hauch einer Chance besteht, dass ich irgendwann mal schöne Haare…

… da ich nahe an der Tür stehe, nutze ich einen Moment, in dem Ariadne unaufmerksam ist, zur Flucht. Mein dünnes Omahaar flattert hinter mir her und ist das letzte, was sie sieht, bevor ich um die Ecke verschwinde…

(Das nächste Mal: Ärgern bei der Kosmetik.)

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29 Kommentare zu “Selbstbewusstsein dahin… Teil eins…

  1. Tanni sagt:

    au weija, ich hatte grade (letzte Woche) einen Termin, man behandelte mich wie ein kleines Kind…. zu dünne Haare hab ich auch… und als der Schnitt beendet war sagte die Tussi (Dame wäre übertrieben) „sooo jetzt hast du’s geschafft“. Fand ich unmöglich! Klärschlamm ist so schlecht auch nicht *kicher* … aber Frisöre sind für mich gestorben. Für imma! Dann lieber Urzeitmensch-frisur 😀

  2. Mendian sagt:

    War wieder Friseuertag? Einziger Kommentar meiner Frisoese gestern, als sie fertig war: ‚So, du siehst wieder menschlich aus…..“

    Betreten des Frisoerladens (knappe, aber zweckmaessige Einrichtung, keine AKtuelle, keine Bunte, Margriet oder andere Maedchenblaetter, dafuer Automagazine, National Geographic, Playboy, Computerzeitschriften und ne Kaffeemaschine zur Selbstbedienung mit richtigen Tassen) : 14.00 Uhr
    Auf den Stuhl um 14.05 Uhr
    ‚Wie haettest du die Haare gerne?‘ – ‚Kurz, also mach was draus.‘
    Waschen, schneiden, foehnen dauerte knapp 30 Minuten
    Kostenpunkt: 9,95 Euro

    Meine Haare sind dick und wachsen wie Unkraut (genauso wirr und schnell). Kurpackungen? Spuelungen? Stylinggel oder -schaum? Kenne ich nicht. Brauche ich nicht. Will ich nicht. Alles doof!

  3. katerwolf sagt:

    ich bewundere dich für deine geduld.

    vielleicht solltest du sie das nächste mal, FALLS du nochmal hingehen solltest, laut (für alle anderen hörbar) und mit mitleidigem tonfall fragen: „haben sie eigentlich schon das neue präparat forever young für radikal vorzeitig alternde haut ausprobiert? ist schon schade, wenn so ein junges ding wie sie einfach mal so 20 jahre älter aussieht, als sie ist, nur weil sie die an der richtigen gesichtspflege spart.“

    liebe grüße, katerwolf

    • Frau Müller sagt:

      Genau, irgend etwas in der Art: „Haben Sie schon mal über eine Gesichtsbehandlung nachgedacht?“ 😛
      Bei unserem Coffeur bekommt man immer eine Zufallsfriseurin, da stehen die Chancen ganz gut, dass wir uns nicht so bald wiedersehen.

  4. theomix sagt:

    Ist es nicht Zeit, über die Verschwörung einer Frisörmafia nachzudenken, die Kundinnen vampirös durch Nadelstichbemerkungen das Selbstbewusstsein absaugt?

  5. Frau Brause sagt:

    Mir wurde eben gerade von meiner Friseurin gesagt, mein Haar sei seidig. Dünn sagt man nicht, schließlich wissen das die Kunden selbst. So nämlich. Also Frau Müller, Glückwunsch zu Ihrem wunderbar seidigen Haar!

  6. sanetes sagt:

    Frau Müller, musste das jetzt sein?

    Ich habe nächste Woche einen Termin bei einer neuen Friseurin – und jetzt hab ich Angst.

    *flüstern an*

    Ähem, ich wechsle den Salon, weil es mich nervt, dass man ständig versucht hat, mir was aufzuschwatzen und leider damit auch einigen Erfolg hatte.

    *flüstern aus*

    Ich wohne auf dem einzigen Baum mit Internetanschluss im Stadtpark.

    • Frau Müller sagt:

      *lacht* Dann wissen Sie ja jetzt, was auf Sie zukommt und können schon mal üben. Sehen Sie das Gute darin: Sie sind vorbereitet und können alles an Ihrem seidigen Haar abperlen lassen.

  7. Silberdistel sagt:

    Oh, Frau Müller, ich will ja nicht über Sie lachen, aber ich musste, ob ich wollte oder nicht – jedoch nicht über Ihre Frisur oder Ihr dünnes Haar (Friseure übertreiben IMMER – mit Worten und Zeugs, das sie einem auf den Kopf tun). Sie haben das alles köstlich beschrieben. Seltsam, dass sie nicht vor dem Saloon lachend zusammengebrochen sind. Oder sind Sie?

  8. Doktor Peh sagt:

    „Low cut“ heißt das hier, wenn die Krause der weiblichen Bevölkerung auf wenige Millimeter abgemäht wird. Deren Struktur, die der Haare!, ist allerdings von drahtartiger Natur. Die Weichmacher, die hier verwendet werden, um die Krause rauszuziehen, gelten in Europa wahrscheinlich bereits als chemische Kampfmittel.

    Dafür gibt es aber an jeder Ecke Spezialistinnen, die einem in achtstündiger Arbeit eine komplett neue Frisur an die Kalotte knüpfen. Für unter 25 Euro insgesamt.

    • Frau Müller sagt:

      Low cut, da kann man nicht viel falschmachen… sollte ich mir mal überlegen. Das spart auch den Friseur. 😉
      Und das mit der Achtstundenfrisur habe ich schon durch – als ich noch jung war und so, wissen Sie… das steht einer blassen dünnen Spinne wie mir einfach nicht….

      • Frau Müller sagt:

        P.S. Ihr Blog sortiert meine Spamkommentare immer als Spam aus – ich weiß ja, dass Sie das absichtlich machen, wollte aber nochmal sagen, dass mich das gar nicht ärgert! SO!! Ich werde jetzt einfach die Mailadresse ändern und mich von hinten anschleichen…

  9. sabine sagt:

    Friseure! Ich kenne eine einzige, die mein Haar so geschnitten hat, dass es gut aussah. Und die ist jetzt auch 6000 km entfernt. Bei allen anderen konnte ich vorher erklären und erläutern wie ich wollte, die haben’s ignoriert. Ich bin oben lockig und unten glatt. Daher sind Stufen tabu, sonst sieht es aus wie Dauerwelle mit VoKuHiLa. Oder schlechte Extensions. Aber irgendein Friseurhandbuch meint, ohne Stufen geht es nicht. Aber woher soll der dumme Kunde das auch wissen, er lebt ja nur seit 20 Jahren damit.

    Jetzt schneide ich selber, spart Geld, Nerven und schont das Selbstbewusstsein. Vor allem Geld (warum kostet Spitzenschneiden plötzlich doppelt so viel, nur weil die Haare überschulterlang sind? Der Schnitt ist derselbe und waschen lass ich nicht. Ich vertrag das Friseurzeugs nicht, zu scharf und zu viel Geruch). Und wenn es doof aussieht, bin ich wenigstens selbst schuld.

    Aber mal ehrlich, Frau Müller: Bei der ersten Bemerkung hätte ich der Dame auf die Nase gebunden, dass ich für jede Beleidigung 5 Euro vom Endpreis abziehe. Selbst wenn Sie so dünnes Haar haben (was ich sehr stark bezweifle, die wollte nur ihren überteuerten Kram loswerden), so sollte das für einen guten Friseur doch eine willkommene Herausforderung sein, oder? Oder sind sie heimlich Masochistin? 😉

    • Frau Müller sagt:

      Selberschneiden traue ich mich nicht. So stark ist der (mäßig ausgeprägte) Masochismus dann doch nicht. 😉 Aber ich kenne jemanden, der macht das auch und es sieht nach Können aus… Aber das sind nicht Sie, oder? 😉

      • sabine sagt:

        Nee, sicher nicht. Außerdem sieht es bei mir nicht nach Können aus, sondern eher nach Komödie. Palme auf die Stirn und dann möglichst gerade abschneiden. Dasselbe nochmal mit tiefem Pferdeschwanz, fertig. Locken verzeihen aber auch die eine oder andere Schieflage 🙂

  10. ja, oke. aber ich hab mich auch wirklich gleich gefragt, oh, gott, warum hat sie denn auch nur den Friseur gewechselt??

    Dabei will ich jetzt gar nicht erzählen, wie es mir ergangen ist, als ichs mal billiger wollt. Andererseits fällt mir auch grad ein, irgendwann kommt die Wahrheit sowieso ans Licht.

    Aber davon abgesehn, noch ein erholsames Wochenende. (H)

  11. Anna sagt:

    Ich habe das große Glück, eine eigene Privat-Friseurin zu haben, eine gute Freundin.

    Das ändert zwar nichts an den Kommentaren („du liebe Zeit, so dünne Fusseln hat ja nicht mal ein Baby“ oder „DAS kann man nicht färben, denn dann fallen sie alle aus“), aber zumindest hört diese Demütigung niemand außer mir und – ich muss dafür nicht auch noch bezahlen 🙂

    Nach meinem letzten regulären Friseurbesuch (Freundin in Urlaub! Katastrophe!) verließ ich den Laden mit Mütze. Hätt ich mal lieber noch 2 Wochen gewartet…

  12. Lilly sagt:

    Also ich wollte eigentlich nächste Woche, aber nu will ich nicht mehr! Ich bin ja das Salon Pferd. Kennen Sie nicht? „Sie haben ja dicke Haare, wie Pferdehaare. Kann man nix mit anfangen.“ Ich finde ja auch, die sollten die Kunden schon ab der Eingangstür mit Leonard Cohen berieseln. Da ist die Depristimmung schon vorprogrammiert. Hilft auch bei’m Blick in den Spiegel, wenn das Spiegelbild wieder nicht den Haarschnitt aufweist, den man bestellt hat. 😦

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