Gentrifizierung im Eckcafé…

Erst hatten die Yuppies nur unser schönes olles Eckcafé übernommen… hätten wir das mal rechtzeitig gemerkt… vielleicht hätten wir noch was retten können…

War das noch schön, als man sich – wenn der Tag lauschig war und man sonst nichts zu tun hatte – im Café an der Ecke traf. Dort war es immer ein bisschen alt, aber noch nicht antik; abgewetzt aber noch nicht Sperrmüll und angegilbt aber noch nicht renovierungsbefürftig. Da bekam man in einer Zufallstasse (weil es kein einheitliches Service gab und der Geschirrschrank aussah wie aus Studentenbuden zusammengeklaut) einen Milchkaffee und setzte sich auf ein altes olles knirschendes Vorkriegssofa, das wohl mal rot gewesen war. Da hockte man dann an diesem ebenfalls alten ollen knirschenden Tisch und genoss ein Schwätzchen mit der Nachbarin. Man traf allerlei alternatives Volk, viele Möchtegern-Künstler und -Philosophen und fühlte sich Alles in Allem sehr wohl in diesem Mikrokosmos von angestaubtem Gestrigen.

Und dann kam der erste Mensch im Anzug und bestellte einen Kaffee.

Und plötzlich war unser Eckcafé etwas für die gehobene Gesellschaft. Etwas für Leute mit Laptop und Krawatte, mit Designerbrillen und Apfel-Handys. Längst beäugten nicht mehr wir die anderen sondern wurden beäugt. Und zwar leicht abschätzig.

Hajo, der das Café geschmissen hat, hat dann schleichend mit der Renovierung begonnen. Erst war das olle eben besprochene Sofa weg. Dann die kneipigen Holztische. Hier stehen nun Rattanmöbel mit trendigem Kissenschmuck und Glastische mit geflochtenen Beinen (auch Rattan, nehme ich an).

Dann hob man unmerklich die Preise an. Das fiel erst gar nicht so auf. Aber als die Sammelbestellung plötzlich das Portemonnaie leerfraß, wurden wir doch stutzig. Hajo erklärte das mit „Instandhaltungskosten“ und erhöhter Miete. Gleichzeitig machte er übers Wochenende zu und strich die Wände weiß und rosé. Und als absolute Krönung standen plötzlich Blümchen auf jedem Tisch. 

Schlussendlich hat auch Hajo seine Wandlung durchgemacht. Er trug nun stets schwarze Hosen und weiße Hemden. Jeans war nicht mehr und die schicken Tattoos konnte man nun auch nicht mehr bestaunen. Hajo war vom Kneipenwirt zum Geschäftsmann mutiert.

Und wir? Na ja, wir machten das noch eine Weile mit, tranken unseren Milchkaffee nun aus einheitlichen cremefarbenen Tassen, versuchten auch mal den Kuchen und beobachteten, wie immer weniger alte Klientel unser Café frequentierte. Der Charme war einfach weg…

Das ist zugegeben mittlerweile 10 Jahre her. Aber der Wandel hat nicht beim Café halt gemacht. Er ist übers ganze Viertel gekrochen – erst unmerklich für alle und dann war´s auch schon zu spät. Und unser Szeneviertel ist nicht mehr. Das ist jetzt hübsche Gutverdiener-Gegend.

… sagt Ihnen der Begriff Gentrifizierung etwas?

Advertisements

9 Kommentare zu “Gentrifizierung im Eckcafé…

  1. der Muger sagt:

    … und ich dachte: „Gentrifizierung“ ist, wenn die Weiber die Macht übernehmen!

    liebe Grüsse vom Muger

  2. skizzenblog sagt:

    auch zu beobachten in letzter zeit:
    selber preis, kleinere gefäße!
    creepy!

  3. Lilly sagt:

    Ja, stimmt. Der Inhalt wird teurer, die Tassen kleiner, aber dafür „stylischer“. Die Karte neu verfasst in einem Kauderwelsch aus irgendwas, mit neuen Produktbegriffen, die kein Schwein versteht. Bist du Gast und über 35, wirst Du arrogant in die geriatrische Sitzecke verbannt. Die Bezahlung der 6 Euro Plürre muß natürlich mit Karte erfolgen. Oder gibt’s dafür schon eine Äp!?

  4. Diese Gentrifizierung ist eine Art Heuschreckenplage. Solvente Hipster entdecken Szeneviertel, machen sich dort breit und verdrängen die Kulturvielfalt, bis irgendwann nur noch kinderwagenschiebende Jungfamilien zu sehen sind und abends vor den SUVs die Bürgersteige hochgeklappt werden müssen (erfolgreiche Klage eines Neuanwohners).

    Das Schlimmste ist: Selbst wenn man bewusst in unhippe Viertel zieht und auf Beständigkeit hofft, weiß man nie, ob es nicht zufällig doch mal hip wird, so wie es in New York z.B. in Williamsburg und Harlem der Fall war.

  5. Stef sagt:

    … sagt Ihnen der Begriff Gentrifizierung etwas?

    Jeden Tag, wenn ich durch Berlin gehe…

  6. persephone sagt:

    traurige Geschichte… ich glaub in dem alten Cafe wie es früher war, hätt ich mich auch wohl gefühlt, um das verwandelte würd ich sogar heute einen großen Bogen machen. Wenn dann noch ein knapp 10 cm langes, am breitesten Ende grad mal 5cm langes Stück Torte für knapp 3 Euro dazu kommt, bei welchem man schon beim Angucken Mitleid kriegt, und versucht es nicht versehentlich in 3 Happen aufzuessen…. Okok ich war früher noch ein Kind und mir kam die Welt garantiert größer vor, aber trotzdem hab ich das unheimliche Gefühl, die Totenstücke waren früher kaum zu schaffen, und mindestens so breit wie heute lang und fast so groß wie der komplette Kuchenteller…

Hier Senf dazugeben:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s