Autostehn…

Es ist schon faszinierend, was Menschen tun, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Beispiel: Stau. Demnach scheint die Tatsache, in einem Auto zu sitzen, das für viele offensichtlich einen Ort privaten Rückzugs darstellt, auszureichen, um sich ungeniert in der Nase zu bohren. Das machen Frauen übrigens genauso gern wie Männer, habe ich heute festgestellt. Im schlimmsten Fall haben besagte Popler auch noch nicht gefrühstückt, aber das überlasse ich jetzt mal Ihrer Phantasie.

Der Typ da hinten im Minivan mit den zwei Kindersitzen und den unmissverständlichen [Kind A] fährt mit plus [Kind B] fährt auch mit Aufklebern am Heck hat die Musik ganz laut aufgedreht und übt Air-Schlagzeug. Derart enthemmtes Verhalten findet man oft bei Familienvätern, bei denen sonst ob der Kinderbeladung nur der Li-La-Laune-Bär aus den Boxen schallt. Ist die Brut endlich in Kindergarten oder Schule abgeliefert, schaltet Papa auf Crematory um und dreht auf Anschlag. Das ist die einzige halbe Stunde am Tag, wo er nochmal Rockstar sein kann…

Wer einen Truck fährt, breitet schon mal die Zeitung mit den vier Buchstaben auf dem Lenkrad aus und inspiziert die Nackte auf Seite 1. Es darf gern dabei geraucht werden.

Der Anzugträger im schwarzen Benz hingegen hat keine Zeit für derartige Verlustierungen. Er muss arbeiten. Das erkennen auch Außenstehende gut am blinkenden Headset und der gestenreichen Pantomime. Der wiederholte Blick auf den leeren Beifahrersitz deutet an, dass dort mindestens der Terminplaner liegt, viel wahrscheinlicher aber der aufgeklappte Laptop mit der Immer-und-überall-Internet-Verbindung.

Die Mutti im Kleinwagen legt gerade das Handy beiseite, mit dem sie zweifellos den Chef oder die Freundinnen im Café angerufen hat, und puhlt ein Kaugummi aus der Verpackung. Monoton kauend starrt sie vor sich auf die Straße, die Hände vorschriftsmäßig auf halb zehn und halb drei am Lenkrad.

Das junge Paar im Golf unterhält sich offenbar prächtig. Sie hat sich abgeschnallt und sitzt nun so, dass sie ihm zur Not auch alles direkt ins Ohr sagen kann und erzählt, von viel breitem Gegrinse unterbrochen, eine sicher sehr unterhaltsame Geschichte. Auch er lächelt, was darauf hindeutet, dass es ihm zumindest nicht langweilig ist.

Die Handwerkerkolonne im Kleinbus schläft größtenteils. Nur Fahrer und Beifahrer sind wach, betrachten das Nummernschild des vor ihnen stehenden Wagens und schweigen sich an. In Kleinbussen mit Handwerkern drin wird selten geredet und wenn, dann nur das Nötigste („Stau, he?“ – „Jo“). Achten Sie mal drauf.

Ich für meinen Teil habe genug für einen leidlichen interessanten Blogeintrag zusammen und drehe jetzt auch das Radio auf. Der Papa-Schlagzeuger trommelt noch, ich sollte langsam mit Gesang einstimmen…

Advertisements

8 Kommentare zu “Autostehn…

  1. Doktor Peh sagt:

    Ich greife mir dann ja immer so ein verfusseltes Papiertaschentuch und fange an, die Scheiben von innen zu putzen.

  2. Magenta sagt:

    Ist auch ne schöne Gelegenheit, mal zu inspizieren, was sich alles so unterm Beifahrersitz und zwischen Handbremse und Fußraum angesammelt hat.

  3. Ömm. Wieviel Hände hat denn die Frau, die das Lenkrad auf halb zehn und halb drei festhält?
    Irgendwie geht mir das Bild nicht mehr aus dem Kopf…
    Das soll vorschriftsmäßig sein?

  4. Gertje sagt:

    Oh, ich schau mir am liebsten die anderen im Stau Stehenden an. Sie, Frau Müller, scheinen das ja auch sehr gern zu machen

Hier Senf dazugeben:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s